Volkswagen Magazin

Deinen ersten Bulli vergisst du nie. Meiner war grau, ein liebevoll gepflegter T2, mit grellpinkfarbenen Radkappen auf den Felgen. Der Wagen gehörte Frank, dem ersten Jungen, für den ich das Gefühl empfand, ich müsste vergehen, wenn er nicht mehr da wäre. Im Nachhinein bin ich nicht mehr sicher, ob dieses Gefühl dem Mann galt oder dem Auto. Der Mann nämlich war ein Narr, das Auto hingegen ist heute ein Klassiker

In der Volkswagen Nutzfahrzeuge Oldtimer Werkstatt in Hannover werden Bullis wie jener graue Bus von damals wieder hergerichtet. Wenn sie ankommen, hat der Rost manchmal bereits große Löcher in ihre Flanken gefressen, kariöse Zeugnisse einer Liebe, die immer noch nicht vorbeigegangen ist. Woher der Name Bulli kommt, ist übrigens nicht ganz klar. Er könnte die Abkürzung für die Bezeichnung „Bus- und Lieferwagen“ sein. Vielleicht fanden ihn die Arbeiter damals auch einfach bullig vom Aussehen her, mit seiner platten Front und dem rundlichen Gesäß.

Nicht einmal Gerolf Thienel kann diese Frage mit Sicherheit beantworten, die Wahrheit ist, wie so vieles, längst mit dem Mythos verschmolzen. Der Technikhistoriker kuratiert die Sammlung und arbeitet Hand in Hand mit der Werkstatt zusammen. Deren Auftrag ist ebenso einfach wie verzwickt: Bullis wieder in den Originalzustand zu bringen. Die teilweise stark verwitterten Auto-Opas werden von ihren Besitzern in die Werkstatt gebracht, damit die Mechaniker alles geben. Bis zu 100.000 Euro kann so eine Restaurierung schon mal kosten. Da stimmt dann bis ins Detail alles, sogar die Sitznähte.

Das Armaturenbrett des Bullis besticht durch schlichte Eleganz.

»Es ist immer schön, wenn Menschen mit einem Wagen mehr als technische Daten verbinden.«

Gerolf Thienel, Ausstellungskurator

Ein gut erhaltener T1 kann auf dem Automarkt um die 200.000 Euro bringen. Das ist auch das kniffelige an Thienels Job. Er versucht, für die Sammlung möglichst viele schöne Modelle zusammenzutragen, aber die Anbieter wissen inzwischen, dass sie große Werte in der Garage haben.

„Wir machen ein von einem Gutachter geprüftes Angebot“, sagt Thienel. „Utopische Preise zahlen wir nicht.“ Die Restaurationswerkstatt gibt es seit knapp dreieinhalb Jahren, genauso lange ist Gerolf Thienel dabei. Knapp 90 Stück hat die Abteilung seit 2008 zusammengesammelt, teils über Autohäuser, teilweise aus Privathand. Thienel weiß, dass er mit den Transportern nicht nur Autos kauft, sondern eine Geschichte. „Es ist ein Zuversichtlichkeit ausstrahlendes Auto“, sagt er. „Es ist immer schön, wenn Menschen mit einem Wagen mehr als technische Daten verbinden.“

Vor dem Einbau werden die Teile komplett abgeschliffen.

Beim T1, beim T2 und vielleicht bereits beim T3 handelt es sich ja wirklich nicht nur um ein Fahrzeug. Das ist das Schöne an Dingen, an Gebrauchsgegenständen, die plötzlich ohne weiteres Zutun ein Eigenleben entwickeln, dass die Jahrzehnte zu überdauern scheint. Der Bulli ist ein Lebensgefühl, das einen weit hinaus trägt über die eigenen Grenzen. Kann sein, dass das am Ursprungsgedanken liegt: Mit diesem Transporter wurde ein praktisches, wendiges Fahrzeug gefertigt, das in den Nachkriegszeiten nicht nur Lasten transportieren sollte. Der Bulli konnte auch eine größere Gruppe Menschen in die Ferne bringen. Und sei es nur zu einem entspannten Ausflug in die Eifel.
Wer einen Bulli hatte, hatte das Glück, mit Freunden verreisen zu können. Mal ehrlich, kann es etwas Schöneres geben?

Die Restauration eines Bullis kann bis zu einem Jahr dauern.

Nicht jedes Auto bringt eine spektakuläre Geschichte mit, aber manche schon. Da ist zum Beispiel der kirschblütenrosafarbene Bulli des „The Who“-Rockstars Pete Townshend, der in der Sammlung steht. Townshend hatte den Wagen 2005 mit seiner Frau zu einem luxuriösen Campingbus umbauen lassen. 43 kW (58 PS) voll mit blütenreichem Brokatstoff auf den Sitzen und einer Innenausstattung, die für damalige Verhältnisse topmodern und ambitioniert war, mit Gaskochfeld und großzügig gestalteten Schränken. Großzügig im T2-Sinne: Wer Bulli fährt, musste sich immer schon auf das Wesentliche zu konzentrieren wissen.

»Der Handel blüht immer noch, die Menschen wollen sich eben nicht von ihren Bullis trennen.«

Daniela Sickora, Mechanikerin

Der T1 und der T2 waren Fahrzeuge, die mehr vom Gefühl als von technischer Leistung leben. Die Motoren sind zuverlässig, aber nicht besonders stark. Ab 100 km/h wird es laut in der Kabine. Der Bulli ist zum Cruisen wie geschaffen, zum gemütlichen Durchs-Leben-Gleiten mit weit geöffneten Augen. Vielleicht ist die nie erloschene Liebe zum Bulli auch ein Gegengift für die Hektik der Zeit.

In der Werkstatt in Hannover wird jedenfalls alles von Hand gemacht. Karossen werden hier noch mit Hammer und Schweißgerät bearbeitet und nicht per Laser zusammengeschnitten. So dauert jede Reparatur ihre Zeit. Für einen besonders angefressenen Wagen braucht es da schon mal beinahe ein Jahr, bis das Stück fertig ist. Mancher Kunde ruft wöchentlich an, erkundigt sich nach dem Zustand des Autos und bittet um Fotos.

Teileabschleifen gehört für die Auszubildende Kimberly Pieper zur Routine.
Ältere Kollegen lehren die jüngeren, was echte Detailarbeit heißt.

Es ist eben immer eine sehr persönliche Angelegenheit mit dem Bulli. Die Übergabe des fertig restaurierten Wagens an den Kunden, sagt Gerolf Thienel, sei immer ein bewegender Abschied: „Wir übergeben ja nicht nur ein Auto, das ist doch deutlich mehr als das.“

Ein Kunde beispielsweise wünschte sich für seinen T1 exakt das Fahrgefühl von 1961. Also wurde in der Werkstatt ein Original-Einkreisbremssystem eingebaut, dazu Diagonalreifen wie im Originalzustand. Die Ersatzteile sammelt Daniela Sickora in ihrem Lager. Kisten über Kisten voller Radkappen, Scheinwerfer, Aschenbecher und Stoßstangen, vieles noch Originalware, anderes aus den Werken in Brasilien, die bis vor Kurzem noch den T2 produziert haben. Denn in Südamerika gilt der Bulli bis heute als das praktischste Auto, wenn es darum geht, Menschen und Güter zu transportieren. Ich suche im Internet weltweit nach Originalteilen“, sagt die 24-Jährige. Der Handel blüht immer noch, die Menschen wollen sich eben nicht von ihren Bullis trennen.

Sammlerbörsen schicken Schrauben und Motorblöcke von Kontinent zu Kontinent – und natürlich ist die Werkstatt in Hannover die globale Anlaufstelle für Bulli-Fans.

Etwa 90 Fahrzeuge stehen perfekt aufgefrischt in der Ausstellungshalle.

Eines der schönsten Modelle in der Sammlung ist ein blauweiß-türkisfarbiger Samba-Bus. Das Modell „Samba“ war eine, wie der Name sagt, „Sonderausführung mit besonderer Ausstattung“ – kurz: Samba. Rundum schmücken kleine Fenster die Wölbung des Daches, obenauf sieht man ein Schiebedach. Das Samba-Modell ist das ideale Ausflugsauto, gemütlich und einladend wie ein fahrbarer Picknickkorb. Das Traurigste ist ein T1-Pritschenwagen. Eine Leihgabe, verkaufen wollte ihn der Besitzer nicht.

Viele Jahrzehnte stand das Auto bei Wind und Wetter draußen. Erst lag über Jahre eine dichte Schicht Laub auf der Ladefläche, dann wurde auf den völlig verrosteten Blechen Holz gestapelt, bis der Besitzer schließlich ein Einsehen hatte und Mitleid bekam. Leider war der Verfall zur Rettung schon zu weit fortgeschritten.
Wunder kann auch die Werkstatt in Hannover nicht vollbringen. Im Inneren des Autos riecht es nach abgestandener Zeit und Feuchtigkeit, aber trotzdem strahlt das Auto immer noch diese unverwüstliche Zuversicht aus, die nur ein Bulli hat. Die einzige Bitte des Besitzers war dann auch eine rührende. „Bitte stellen Sie den Wagen in der Sammlung nicht neben ein Krankenwagenmodell.“ Er wolle nicht, dass sein Bulli aussähe, als brauche er einen Arzt.

Für viele ist der Bulli wie ein Stück Zuhause auf vier Rädern.

Bulli-Werkstatt.

Ob Vollrestaurierung oder simple Schönheitsreparatur – das Team aus 21 Mitarbeitern versetzt Bullis technisch wie optisch nahezu in den Auslieferungszustand. Dazu recherchieren die Mechaniker den Urzustand jedes Fahrzeugs und schauen sich jedes Einzelteil ganz genau an. Die speziell ausgestattete Werkhalle befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Volkswagen Nutzfahrzeuge Stammwerk in Hannover.