Volkswagen Magazin

Unglamourös: Daniel Norris bereitet sich sein Essen gern mit dem Gaskocher zu.

Daniel Norris on Instagram (@danielnorris18)

 

She's got her Daddy's nose. #vanlife

Ein von Daniel Norris (@danielnorris18) gepostetes Foto am

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Die größte Nachwuchshoffnung der Detroit Tigers wacht morgens in einem Volkswagen Campingbus hinter den Müllcontainern auf dem Parkplatz eines Supermarktes auf und fragt sich, ob er noch etwas zu essen da hat. Er durchwühlt die halb leere Kühlbox und findet noch ein Dutzend Eier. Die sind ihm nicht ganz geheuer. Er nimmt drei aus dem Karton, betrachtet sie prüfend, riecht an ihnen und befindet sie schließlich für noch essbar. Während die Eier auf einem Gaskocher braten, beginnt er mit seinem Morgenritual, dem Reinigen des Busses. Sein Hab und Gut legt er auf dem Parkplatz ab. Ein Surfboard kommt zum Vorschein. Dann wären da noch seine einzige Jeans und die handschriftlichen Tagebuchnotizen. Ein neugieriger Supermarktkunde bleibt stehen und schaut ihm zu. Daniel Norris grüßt und winkt, und der Kunde geht weiter in den Laden. Norris kümmert sich wieder um die bratenden Eier. Er sei es gewohnt, angestarrt zu werden, sagt Daniel Norris.

»Echte Freiheit kann man nur im Nirgendwo finden, in der Weite des Ozeans oder auf dem Gipfel eines Berges.«

Daniel Norris, Baseball-Profi

Norris hat dieses Leben im Kleinbus auf einem blau fluoreszierenden Vorortparkplatz gewählt, während er sich zu einem der besten Nachwuchs-Pitcher in der Major League entwickelt hat. Jeden Morgen macht Daniel Norris Klimmzüge und Fitnessübungen an Einkaufswagen. Abends gibt es französischen Filterkaffee und Bio-Fertiggerichte, die er auf seinem Gaskocher zubereitet. Und wenn es dunkel wird, setzt er eine Stirnlampe auf, die irgendwie zu seinem strubbeligen Bart passt, schreibt in sein „Gedankentagebuch“ oder liest zum x-ten Mal Jack Kerouac.

Er steht schon so lange vor dem Supermarkt, dass einige der Angestellten ihm den Spitznamen „Van Man“ (dt. „Bus-Mann“) verpassten. Man rätselte, wo er wohl herkäme und was er so treibe. Andere vermuteten, er sei obdachlos, und er tat ihnen so leid, dass sie für ihn beten und ihm Geldscheine zustecken wollten. Man fragte sich, ob er ein Ausreißer sei, ein mittelloser Surfer oder ein New-Age-Wanderer, der sich auf seiner spirituellen Suche verirrt hat.

Und dabei ist die Wahrheit noch verwunderlicher: Der „Van Man“ katapultiert einen harten, geraden Ball mit 150 Stundenkilometern übers Feld. Er bekam zwei Millionen Dollar Handgeld, hat einen Vertrag mit Nike in der Tasche und eine wachsende Fangemeinde. Doch die beste Art, sich auf die harte Saison vorzubereiten, ist für ihn das einfache Leben in einem 1978er-Westfalia-Campingbus, den er für 10.000 Dollar kaufte. Mit dem Bus entflieht er dem Druck der Major League. So kann er sich entspannen vor einer Saison, in der jede seiner Bewegungen gemessen, aufgezeichnet und analysiert wird.

Das Leben als Baseballer bringt einen hohen Bekanntheitsgrad mit sich, der Bus bietet Zurückgezogenheit. Beim Werfen ist Wiederholung und Genauigkeit gefordert, das Auto verspricht Freiheit.

Gekauft hat er den Kleinbus 2011, ein paar Wochen nachdem er gleich nach der High School den ersten Vertrag bei den Toronto Blue Jays unterschrieben hatte. Der Volkswagen ist seither sein Freund und spirituelles Zentrum. Er gab ihm den Namen „Shaggy“ nach einer Comicfigur aus der Serie „Scooby-Doo“. Er singt für ihn, widmet ihm Gedichte und schenkt ihm Karten zum Valentinstag.

Der Linkshänder gilt als größte Nachwuchshoffnung der Detroit Tigers.

Mit dem Bus unternimmt er Wanderausflüge in den Bergen von Tennessee und Surfreisen entlang der Küste von Carolina. Jedes Jahr fährt er mit ihm zum Frühlingstraining nach Florida.

In diesem Jahr dehnte er die Fahrt auf ein paar Wochen aus. Von seinem Zuhause in Tennessee fuhr er ohne Zeitplan los, mied die Autobahn und erkundete die unbefestigten Straßen der Appalachen. Nacht für Nacht schlief er in der Zwischendecke hinter dem Fahrersitz, wobei sein Kopf die Hintertür berührte. Als er schließlich in Florida ankam, campte er im Volkswagen illegal am Strand und wurde von der örtlichen Polizei vertrieben.

„Nonkonformist“ steht auf einem Schild in seinem Haus auf vier Rädern.

An jenem Morgen im Jahr 2011, als sein Zwei-Millionen-Dollar-Bonus gutgeschrieben wurde, verwirrten ihn die vielen Nullen auf dem Kontoauszug, und er fragte sich: „Wer bin ich, dass ich das verdiene? Was habe ich schon dafür getan?“

Er fühle sich wohler, wenn er das Gefühl habe, arm zu sein, denn ohne Geld könne er seinen Lebensstil beibehalten und gerate nicht so schnell in Versuchung, angepasst zu leben, meint er. Er tankt nie mehr als einen viertel Tank voll*.

Anstatt mit seinen Teamkollegen essen zu gehen, schreibt er jeden Abend in sein „Gedankentagebuch“, das auf dem Armaturenbrett liegt: „Echte Freiheit kann man nur im Nirgendwo finden, in der Weite des Ozeans oder auf dem Gipfel eines Berges. Abenteuer bedeutet Freiheit.“

Um 7:30 Uhr meldet sich Norris im Stadion zu seinem zweiten Wurftraining in diesem Jahr. Wenn er auf der Werferplatte steht, fühlt sich sein Arm mit diesen schnellen Muskeln, die aus irgendeinem Grund so explodieren können, manchmal ganz fremd an – wie ein Geschenk, ein Segen. „Ich frage mich immer, wieso ich so gut werfen kann. Das ist für mich ein Rätsel”, sagt Norris.

* Volkswagen warnt davor, mit einem zu geringen Kraftstoffvorrat zu fahren (siehe Bordbuch). Tanken Sie immer Kraftstoff, wenn der Benzin- oder Diesel-Kraftstoffbehälter nur noch zu ¼ gefüllt ist, um ein Liegenbleiben wegen Kraftstoffmangels zu vermeiden.

»Wer bin ich, dass ich das verdiene? Was habe ich schon dafür getan? Ich frage mich immer, wieso ich so gut werfen kann.«

Daniel Norris, Baseball-Profi
Ein Parkplatz als Vorgarten: Manche Leute halten ihn für einen Surfer im Exil.

Vom Stadion aus fährt er später hin zu einem zweispurigen, durch Wasser führenden Damm jenseits der weitläufigen Vororte, von dem aus er mit Shaggy direkt an einen zehn Meter breiten Strandstreifen gelangt, der durch Palmen von der Straße getrennt ist und kaum wahrgenommen wird. Der Verkehr rauscht mit 80 km/h vorüber, und er hat den Strand für sich allein. Er schaut zu, wie sich die Sonne dem Horizont nähert, während sein Abendessen auf dem Gaskocher brutzelt. Er ruft seinen Vater an und lässt ihn sich Shaggys Motorgeräusch über Telefon anhören. „Klingt doch richtig gut, oder?“, fragt er. Seine Mutter lässt ihn noch wissen, dass sie stolz auf ihn seien, weil er sich selbst treu bleibe. Er legt sein Telefon hin und setzt seine Sonnenbrille auf. Möwen tauchen ins Wasser ein. Wellen laufen rauschend am Strand aus. Der Sonnenuntergang färbt seinen Bus orange und blau.
„Das ist perfekt“, sagt er.