Volkswagen Magazin

Leben

Unverwüstlich.

Lässt sich in einem 16 Jahre alten Polo III mit 1,0-Liter-Motor eine 16.000 Kilometer lange Rallye quer durch Zentralasien bewältigen? Der Australier Dion Furlong hat es mit einem Freund versucht. Ein Offroad-Abenteuer bei der Mongol Rally – mit Mark, dem Polo.

Text Joachim Hentschel
Fotos Dion Furlong

Ein Volkswagen Polo III, zwei furchtlose Abenteurer – und eine rund 16.000 Kilometer lange Rallyestrecke quer durch Europa und Zentralasien: Das ist die turbulente Geschichte von Mark the Polo, dem 1,0-Liter-Modell mit Baujahr 2000, der im Juli 2016 zur unglaublichen Reise von Goodwood in England bis nach Ulan-Ude in Sibirien antrat – zur Mongol Rally, die als Survival- und Spaß-Challenge zum ersten Mal 2004 stattfand und pro Jahr mittlerweile mehr als 300 Teams aus aller Welt anzieht.

Was auf dem Abenteuer-Trip alles passierte und ob unsere Helden am Ende sicher im Ziel ankamen – das berichtet uns der Australier Dion Furlong, einer der zwei Piloten, die mit Mark the Polo acht aufregende Wochen lang querfeldein fuhren.

Die Challenge.

Ich bin Dion Furlong, Jahrgang 1979, aus Perth in West-Australien. Ich bin gelernter Auto- und Bergbaumechaniker, habe auch als Taucher und Touristenführer gearbeitet – und bin zuletzt auf großen Reisen viel in der Welt herumgekommen.

Meine Sehnsucht nach Abenteuern meldete sich im Sommer 2016, als ich auf der Facebook-Wall meines Freundes Jon Pall Bezant las, dass er an der Mongol Rally teilnehmen wolle. Ich dachte sofort: „Da muss ich dabei sein!“ Zum Glück musste ich Jon nicht lange überreden, mich mitzunehmen. Und die wohltätige Spende, die zu den Teilnahmebedingungen gehört, hatten wir schnell gesammelt: 2.700 australische Dollar für die US-Meeresschutzorganisation Sea Shepherd.

Eine Challenge:
die Mongol Rally

Als „größtes Abenteuer der Welt“ bezeichnen die Organisatoren der Mongol Rally selbst ihr Rennen. Wie bei echten Survival-Trips gibt es hier fast keine Regeln. Nur die: Die Autos dürfen nicht mehr als 1,0-Liter-Motoren haben, Sponsoren sind streng verboten, Teilnahmebedingung ist:

Jedes Team muss mindestens 1.000 britische Pfund für einen wohltätigen Zweck spenden. Die Rallystrecke von England bis Burjatien ist rund 16.000 Kilometer lang. An der ersten Ausgabe 2004 nahmen sechs Teams teil, 2016 waren es mehr als 300, von denen mehr als zwei Drittel tatsächlich im Ziel ankamen.

Der Polo.

Ebenfalls eine Bedingung der Rallye: Das Auto, mit dem man teilnimmt, muss einen 1,0-Liter-Motor haben. Nachdem ich in England angekommen war, machte ich mich auf die Suche nach dem richtigen Rallye-Fahrzeug. Nach einiger Recherche kam ich darauf, dass ein Polo sich wohl am besten eignen würde – von der Zuverlässigkeit und vom Raumkonzept her.

Das Auto fand ich via Internetanzeige: einen Polo III von 2000, für 750 Pfund. Ich tauschte die vorderen Radlager aus, modifizierte ein paar Kleinigkeiten – das war’s. Wir tauften ihn Mark the Polo. Für Zelte, Rucksäcke und Benzinkanister baute ich einen Dachgepäckträger in Form eines Bootes. Als Hommage an Sea Shepherd, die unsere Spende bekommen hatten.

Die Verwandlung: Wie Mark the Polo zum Superstar der Mongol Rally wurde.

Mehr Infos zum neuen Polo finden Sie hier:

Die Rallye.

Am 17. Juli 2016 fiel dann der Startschuss, auf dem Goodwood Motor Circuit im englischen Süden. Für die Mongol Rally bekommt man nur Start- und Zielpunkt genannt – der Weg dazwischen bleibt jedem Team selbst überlassen. Unsere Stationen: Frankreich, Deutschland, Ungarn, Rumänien, dann Türkei, Georgien, Aserbaidschan und so weiter. Eine ganz schöne Strecke, die Jon und ich zu zweit hinter uns bringen mussten.

Ein wichtiger Faktor, der den Takt der Rallye diktiert: die Visa, die man sich für einige Länder vorab besorgen muss. Wir hatten die Fahrt um die Gültigkeitsdaten unserer Papiere herum organisiert und so brachten uns manche Verzögerungen in Bedrängnis.

Der Dachgepäcktrager als Boot – für Surivalgepäck, Benzin und Ersatzreifen groß genug.

Auf die Fähre, die uns und den Polo übers Kaspische Meer nach Turkmenistan brachte, mussten wir fünf Tage warten – und dann dauerte die Überfahrt statt 15 Stunden drei Tage. An der mongolischen Grenze war dann mein Visum abgelaufen – wir mussten vor Ort erst mal verhandeln.

Die Landschaften, die wir auf dem Weg erlebten, waren atemberaubend. Die Fahrt über die Pamirstraße, die zweithöchstgelegene Fernstraße der Welt, oder der Umweg zum Krater von Derweze, in dem seit 1971 ein gewaltiges Erdgasfeuer brennt – das waren Momente, die wir niemals vergessen werden.

Auf der Pamirstraße: Die 4.600 Meter Steigung bewältigte Mark the Polo ohne Probleme.

Der Unverwüstliche.

Wir sind immer und immer wieder auf unser Auto angesprochen worden. „Wie lief es bis jetzt? Wie viele Pannen hattet ihr?“ Mark the Polo ist der erste Volkswagen meines Lebens und ich muss sagen: Dieses Auto wirkt auf mich von Design und Funktionsweise her absolut fehlerlos. Ich überlege manchmal, was den Ingenieuren wohl durch den Kopf ging, die den Polo konzipiert haben. Die haben sich sicher gefragt: Was könnte das Schlimmste sein, was die zukünftigen Fahrer diesem Auto antun könnten? Heute kann ich es mit Sicherheit sagen: Was wir dem Polo in den drei Wochen der Rallye alles zugemutet haben, war um ein Vielfaches schlimmer. Und er hat alles ausgehalten.

Camping in Tadschikistan: Das Team sorgte bei den Zwischenstopps für Aufsehen in den Dörfern.

Ich meine nicht nur die Tausende von Kilometer, die wir auf unbefestigten Straßen gefahren sind – auch die gewaltigen Steigungen. Als wir in 4.600 Meter Höhe über die Pamirstraße fuhren, waren wir zu viert im Auto, inklusive Gepäck, Verpflegung, Benzinkanister und Ersatzreifen. Wie der 16 Jahre alte Polo mit dieser Ladung die Steigung bewältigen konnte? Es war wie ein Wunder. Wir haben laut gejubelt, als wir oben ankamen.

Einmal mussten wir ihn in die Werkstatt bringen. Wir waren nachts auf einer Offroad-Strecke in der turkmenischen Wüste unterwegs und ich merkte nicht, dass halb verbuddelt im Sand ein großes Stück Stahl lag. Als wir darüberfuhren, verbog es uns die Hinterachse – und kurz sah es so aus, als ob die Rallye nun doch für uns beendet wäre. In Usbekistan fanden wir dann zum Glück einen Mechaniker, der uns die Achse rechtzeitig reparierte. Es fühlte sich ein bisschen wie eine Wiedergeburt an. Deshalb tauften wir das Auto danach um: in Mark II the Polo.

Das Ziel.

Der große Moment: Am 8. September passierten wir um 23 Uhr 45 die Ziellinie. Endpunkt der Rallye ist Ulan-Ude, die Hauptstadt der Republik Burjatien, nachdem Steuern und Zollgebühren in der Mongolei zu hoch wurden. Auf welchem Platz wir landeten? Wissen wir nicht. Bei der Mongol Rally geht es vor allem um den Spaß.

Weil Jon zurück nach Hause zum Arbeiten musste, trennten sich unsere Wege. Mein Heimweg mit Mark II the Polo führte mich durch Russland zurück nach Europa, dann nördlich Richtung Polarkreis bis zum Nordkapp, dann zurück durch Norwegen, Deutschland und die Niederlande bis nach Großbritannien, zum Startpunkt der langen Reise.

Wenn ich die Zeit hätte, würde ich die Strecke gern noch ein zweites Mal fahren, aber nach meinen Regeln – von vielen schönen Orten habe ich in der Hektik viel zu wenig gesehen. Nur eine Bedingung hätte ich: Der Polo müsste dabei sein.