Volkswagen Magazin

Golf

Eine Testfahrt in die e-Zukunft.

Wer erleben will, wie e-mobility praktisch im Alltag funktioniert, muss in die Niederlande reisen. Zum Beispiel nach Den Haag, wo derzeit ein Modellprojekt zum e-Golf läuft. Wie es zustande kam und welche Erkenntnisse es bringt? Eine Spurensuche vor Ort – im neuen e-Golf.

Text Joachim Hentschel
Fotos Bernhard Huber

Erst glaubt man, man hätte sich gewaltig verflogen. Wenn man vom Airport aus mit dem e-Golf die Schnellstraße A13 nimmt und auf Den Haag zufährt, bietet sich ein gewaltiges Panorama: Das komplexe Netz der Stadtautobahn schlängelt sich über mehrere Stockwerke, in der Ferne glitzert eine Skyline aus schlanken, ehrgeizigen Wolkenkratzern. Das könnte auch eine amerikanische Großstadt à la Boston oder Chicago sein.

Abends gibt es ganz andere Eindrücke. Da lehnt man im historischen Viertel Hofkwartier am Geländer der Gracht, ein Glas niederländisches Bier in der Hand, schaut aufs Wasser, auf niedrige, malerische Klinkerhäuser – gewissermaßen aufs alte Europa. Es sind diese gegensätzlichen Gesichter, die die Seele von Den Haag ausmachen. Und dass die Elektromobilität hier schon heute eine große Rolle spielt – auch das hat mit dem Mix aus großem Erbe und Postmoderne, aus Traditionspflege und Vorwärtsdenken zu tun.

Der neue e-Golf

Reichweite Mit dem neuen e-Golf kommt man weit: Die Kapazität der Batterie wurde von 24,2 auf 35,8 kWh erhöht – das bedeutet, dass man nach einem Ladevorgang nun bis zu 300 Kilometer im NEFZ* fahren kann. Und an einer Schnellladesäule ist man nach 45 Minuten bereits wieder auf 80 Prozent.

Infotainment Wie alle neuen Modelle des Golf bietet auch der e-Golf die nächste Generation des Bedienkomforts – zum Beispiel das serienmäßige Navigationssystem „Discover Pro” mit innovativer Gestensteuerung.

Drei Gründe für e-mobility.

Warum Den Haag ein so perfekter Ort für eine Tour mit dem neuen e-Golf ist? Drei Gründe gibt es dafür.

1.

Mit knapp 17 Millionen Einwohnern auf rund 41.000 Quadratkilometern sind die Niederlande eine relativ kleine, dicht besiedelte Nation. Die großen Städte liegen eng beisammen. Vom Regierungssitz in Den Haag bis in die Hauptstadt Amsterdam fährt man nur 60 Kilometer – ideal für Überlandreisen im Elektroauto.

2.

Die Politik hat sich hier schon früh für Elektromobilität interessiert. Die Regierung gewährt den Bürgern Steuernachlässe für elektrisch motorisierte Firmenwagen, treibt den Ausbau des Netzes an Schnellladestationen voran. 2015 wurden in den Niederlanden 43.000 e-Fahrzeuge und Plug-In-Hybride neu zugelassen – rund zehn Prozent Marktanteil.

3.

Selbst für niederländische Verhältnisse ist die Stadtverwaltung von Den Haag besonders stark engagiert. Es gibt nicht nur eine aufs Stadtgebiet begrenzte Anschaffungsprämie für e-Autos und mehr als 1.300 Lademöglichkeiten – 2016 wurde ein Programm gestartet, das 20 Fahrer den e-Golf ein Jahr lang testen lässt.

Wie eine solche Aktion funktionieren kann und welche Ergebnisse sie bringt, dem sind wir auf der Spur – bei einer Rundfahrt durch Den Haag.

Den Haag

Lebensart Wenige Städte Europas bieten auf so kleinem Raum (rund 80 Quadratkilometer) so viel kulturelle Varianz: vom hochmodernen Regierungsviertel über die gemütliche Altstadt bis zum Strandgebiet Scheveningen.

E-mobility Den Haag hat nicht nur 1.300 Lademöglichkeiten für e-Autos und mehrere öffentliche Schnellladestationen. Es gibt hier sogar eine aufs Stadtgebiet begrenzte Anschaffungsprämie für Elektrofahrzeuge.

Die Stadt wird elektrisch.

Erster Treffpunkt: das neue Rathaus. Ein imposantes Gebäude ganz in Weiß, 1995 erbaut und von den Den Haagern liebevoll „Eispalast“ genannt. Im 47 Meter hohen, verglasten Atrium erwartet uns Floris van Elzakker, Projektleiter für Elektromobilität in der Stadtverwaltung. „Wenn sich dank emissionsfreier Elektromobilität die Luftqualität dauerhaft bessert, wird das zuallererst innerhalb der Städte zu spüren sein“, sagt van Elzakker. „Das ist ein Grund, warum vor allem die Verwaltungen solche Initiativen vorantreiben.“

Testrijders ist der Name des Modellprojekts – niederländisch für Testfahrer. Möglich wurde es durch die Kooperation von drei sehr unterschiedlichen Institutionen: der Umweltorganisation Natuur & Milieu, der Stadt Den Haag und der Firma Pon, dem niederländischen Importeur von Volkswagen. Das Angebot: 20 Testfahrer können den e-Golf für ein Jahr leasen, zu einem besonders günstigen Preis. Bedingung: Sie müssen das Auto in der Zeit auch mit anderen Fahrern teilen, mindestens fünfmal im Monat – und sich die Sharing-Partner selbst suchen. Auf die Art können in einem Jahr nicht nur 20 Fahrer den e-Golf ausprobieren, sondern 1.220.

Ende 2015 wurde der Start von Testrijders in einem Newsletter ausgerufen. Schon am ersten Wochenende bewarben sich rund 100 Kandidaten. Natuur & Milieu konnte die Bewerbungsseite gleich wieder dichtmachen. Niemand hatte mit einem solchen Echo gerechnet.

„Die Neugier der Menschen auf e-mobility ist noch größer als erwartet“, sagt Floris van Elzakker. „Die Reaktionen haben uns sehr positiv überrascht.“

»Die Neugier der Menschen auf e-mobility ist noch größer als erwartet.«

Floris van Elzakker

Es geht um Fahrspaß.

Weiter geht’s, vom Rathaus Richtung Paleis Noordeinde, dem offiziellen Amtssitz der niederländischen Monarchie. An der Ampel ruft uns ein junger Fahrradfahrer aufgeregt durchs Autofenster zu: „Wow, einen tollen e-Golf habt ihr da! Ist das der neue?“ Ja, ist er. Der hat nicht nur das Infotainment-System „Discover Pro”, auf dessen Display Navigation und Entertainment besonders schön und benutzerfreundlich präsentiert werden – seine Batterie hat eine Reichweite von bis zu 300 Kilometern im NEFZ*. Damit kommt man nicht nur in den Niederlanden ganz schön weit.

Im Café Pistache, gleich beim Palast, hat sich Tom Groot schon seinen Orangensaft bestellt. Er ist aus Utrecht angereist, vom Hauptsitz der Organisation Natuur & Milieu. Die NGO wurde 1972 gegründet, ist in den Niederlanden stark vernetzt. Das Spezialthema von Projektleiter Groot ist e-mobility – und Testrijders ist sein Baby. Das Projekt wurde vorher schon in Rotterdam und Arnhem-Nijmegen erfolgreich getestet.

»Ein e-Auto zu fahren, das ist eine so großartige Erfahrung – wer es einmal probiert hat, möchte es immer wieder tun.«

Tom Groot

„In der Öffentlichkeit existiert dieses Bild, dass NGOs in erster Linie immer gegen etwas sind, gegen Luftverschmutzung, Kohleenergie und so weiter“, sagt er. „Unser Ansatz ist positiver. Menschen lieben das Autofahren, also wollen wir Handlungsperspektiven aufzeigen. Ein e-Auto zu fahren, das ist eine so großartige Erfahrung – wer es einmal probiert hat, möchte es immer wieder tun.“

Deshalb ging das Gremium bei der Auswahl der ersten 20 Kandidaten strategisch vor: Die Organisatoren wollten möglichst viele Netzwerke ansprechen, wählten maximal unterschiedliche Personen aus. Im Mai 2016 bekamen die ersten Testfahrer den e-Golf. Vom Feedback, das seither bei den Organisatoren ankommt, können alle lernen.

Vorgeschmack auf die Zukunft.

„Wer auf ein e-Auto umsteigt, muss grundsätzlich neu denken“, sagt Matthijs Boon, der das Projekt beim Volkswagen Importeur Pon betreut. „Manche Testfahrer brauchten am Anfang etwas Zeit, um sich daran zu gewöhnen. Man plant seine Fahrten anders. Elektromobilität hat mit Pioniergeist zu tun.“

Wir treffen Boon an einer Schnellladestation, die wie eine kleine Tankstelle aussieht: direkt an der Ausfallstraße Richtung Leiden, unter einem Dach aus Solarzellen, das aussieht, als hätte ein großer elektrischer Vogel seine Flügel ausgebreitet. Die e-Golf Testfahrer müssen fürs Laden am Anfang nicht einmal bezahlen: 10.000 Gratiskilometer hat Pon mit ins Angebot geschnürt, außerdem zusätzliche Leihwagenangebote und ÖPNV-Tickets.

 »In Zukunft wird das Auto ein Knotenpunkt in einem großen Mobilitäts-netzwerk sein.«

Matthijs Boon

„Die Teilnehmer sind begeistert vom e-Golf und von e-mobility an sich“, sagt Boon. „Allerdings ist es wichtig, dass wir die übergreifenden Verkehrskonzepte im Blick behalten. In Zukunft wird das Auto ein Knotenpunkt in einem großen Mobilitätsnetzwerk sein. Das Testrijders-Programm gibt einen Vorgeschmack darauf.“ Ähnliche Projekte starten 2017 in den Städten Utrecht und Zwolle. Und in Den Haag können die Fahrer den e-Golf auf Wunsch noch ein zweites Jahr behalten.

Die Testfahrer.

Das spannendste Treffen markiert dann das Ende unseres Städtetrips: An der Grenze zu Scheveningen, dem berühmten Strandviertel Den Haags, klingeln wir an einem auffallend schönen Wohnhaus. Belia und Jin Hoeksema öffnen uns – sie ist Physiotherapeutin, er Manager bei einer Telekommunikationsfirma. Beide nehmen am Testrijders-Programm teil. Und freuen sich besonders, dass wir ihnen heute den neuen e-Golf vorbeibringen, für eine außerplanmäßige Probefahrt.

Unser Autor (l.) im Gespräch mit Belia (M.) und Jin Hoeksema. Die Familie hat einen der 20 e-Golf ergattert – und ist begeistert.

„Was neue Lebensansätze und Technologien betrifft, sind wir grundsätzlich sehr neugierig“, sagt Belia Hoeksema. „Bei den Testrijders haben wir uns angemeldet, weil wir einfach ausprobieren wollen, wie elektrisches Fahren funktioniert.“ Ein Auto besitzt die Familie, der e-Golf wurde zum Zweitwagen. Im Alltag fuhr Belia mit ihm die Töchter Julia (10) und Lara (12) zum täglichen Sport, nutzte ihn, um ihre Patientenbesuche zu machen. „Die Beschleunigung, die Stille, das ganze Fahrgefühl – es ist ein großartiges Erlebnis. Wenn ich die Wahl hätte, würde ich nur noch elektrisch fahren.“

Eine eigene Ladestation haben die Hoeksemas nicht. Aber in den Straßen rund ums Haus finden sich so viele öffentliche Ladesäulen, dass immer eine frei ist, wenn der e-Golf frischen Strom braucht.

»e-mobility ist ein einfacher und naheliegender Weg, um dem Ideal näher zu kommen.«

Auf zum Strand!

Aber da kommt die Sonne heraus, und die vier Hoeksemas beeilen sich. Das Nötigste ist schnell in den neuen e-Golf gepackt, und schon sind Belia, Jin, Lara und Julia auf dem Weg zum Wasser. Erst kurz zum Hafen, wo die Jacht des Segelclubs vor Anker liegt, mit dem Jin am Wochenende Rennen fährt. Dann zum Strand von Scheveningen, an dem sich auf drei Kilometern Länge die Kitesurfer, Sandburgenbauer und Spaziergänger treffen.

„Der Gedanke an Nachhaltigkeit beschäftigt uns sehr in dieser Stadt“, sagt Jin Hoeksema zum Abschied. „e-mobility ist ein einfacher und naheliegender Weg, um dem Ideal der klimafreundlichen Mobilität näher zu kommen.“ Und Den Haag ist ein Beispiel dafür, wie großartige Ideen in der Praxis funktionieren können. Wenn man sich traut, sie auszuprobieren.