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Unter Strom.

Seit ihrem spektakulären Debüt 2014 begeistert die Formula E Millionen Fans weltweit. Motorsportexperten glauben, die Rennserie für Elektroautos könnte bald erfolgreicher sein als die Formel 1. Worin liegt ihre besondere Faszination? Wir sind beim Start der zweiten Saison in Peking dabei.

Text Xifan Yang
Fotos David Hogsholt
Daniel Abt am Morgen vor dem Rennen: Mit seinem Team diskutiert er letzte Verbesserungen.
Das Lenkrad zeigt den Batteriestand des Rennwagens an – momentan sind es 84 Prozent.

Die Strecke ist noch schmutzig. Es gibt Probleme, das Auto läuft nicht richtig an. Daniel Abt und seine Ingenieure sitzen über ihre Laptops gebeugt. Die Daten aus dem ersten freien Training flimmern über die Bildschirme: So richtig zufrieden ist der Fahrer noch nicht. „Die Konkurrenz war zwei Sekunden schneller“, sagt der 22-Jährige. Nebenan in der Box arbeiten die Mechaniker auf Hochtouren. Fünf Wochen waren die Rennautos in Zugcontainern aus Großbritannien über Russland nach China unterwegs, in der Zwischenzeit haben die Felgen etwas Rost angesetzt. Die Radnaben passen nicht mehr, sie müssen nun mit Fett eingestrichen werden. Ein Konkurrenzteam ein paar Zelte weiter hat ganz andere Sorgen: Die Motoren hängen noch beim Zoll fest. Es ist Freitagabend, 21 Stunden noch bis zum Rennen. Es wird eine lange Nacht werden.

Saisonauftakt der Formula E in Peking, Rennfahrer Daniel Abt und der Allgäuer Rennstall ABT Schaeffler Audi Sport starten ins zweite Jahr. Während in der Boxengasse der Countdown läuft, erstrahlt im Hintergrund die filigrane Gitterstruktur des „Vogelnests“ in hellem Rot – 3.439 Meter misst der Rennparcours, der quadratisch um das von Herzog & de Meuron erbaute Olympische Nationalstadion führt.

„Tolle Location, aber nicht unbedingt meine Lieblingsstrecke“, sagt Abt und lacht. Er erinnert sich an die Debütsaison im Vorjahr, die ebenfalls in Peking Premiere feierte: Super Rennen, alles lief glatt, Abt fuhr als Dritter ins Ziel. Auf dem Weg zum Podium folgte dann der Schreckmoment. Die Messungen ergaben, dass er 0,1 Kilowattstunden mehr verbraucht hatte als erlaubt. Vorgeschrieben waren maximal 28. Abt wurde disqualifiziert.

In der Formel 1 oder anderen herkömmlichen Rennserien wäre ihm das nicht passiert, dort sind dem Spritverbrauch keine Grenzen gesetzt. Nachhaltigkeit und Motorsport schienen sich bislang zu widersprechen. Nicht so in der Formula E, der ersten Elektro-Rennserie der Welt. Hier ist Nachhaltigkeit Teil des Kernkonzeptes, angefangen beim Stromantrieb über die Namen der Rennen („ePrix“) bis zu den Regularien, die Energiesparen vorschreiben. Der Saisonkalender etwa ist so angelegt, dass das Equipment der Teams im Uhrzeigersinn über den Globus von Wettbewerb zu Wettbewerb reist – per Frachtschiff, nicht im Flieger, ohne Zwischenstopp in der Heimat. Das ist energie- und zugleich kosteneffizient: Das Budget der Rennställe liegt bei einem Hundertstel dessen, was in der Formel 1 ausgegeben wird.

Die Rennstrecke

Formula E Die Pekinger Rennstrecke misst eine Länge von 3,439 km und hat 17 Kurven – konzipiert hat sie der Designer Rodrigo Nunes. Das erste Rennen fand hier im Rahmen der Saison 2014/15 statt. Der Kurs führt über öffentliche Straßen entgegen dem Uhrzeigersinn rund um das Nationalstadion Peking, das Chinesen liebevoll das „Vogelnest“ getauft haben.

„Die Formula E ist ein komplett neues Event im Motorsport mit eigener Philosophie“, sagt Professor Peter Gutzmer, Vorstandsmitglied und Verantwortlicher der Abteilung Forschung und Entwicklung bei der Schaeffler AG. Der Automobilzulieferer ist Technologiepartner von ABT in der FIA Formula E, Volkswagen ist strategischer Partner des Teams. Anders als in der Formel 1 gibt es hier eine Übertragbarkeit vom Wettbewerb auf reale Serienmodelle. Das ausdrückliche Ziel ist es, die Entwicklung des Elektroautos von morgen voranzutreiben.

Zuletzt haben Gutzmers Ingenieure acht Monate an einem neuen Antrieb gearbeitet. Nun verfolgt der Chef in Peking die letzten Vorbereitungen mit großer Spannung. Denn bewährt sich der Rennwagen auf der Piste, könnte sich die neue Technik in wenigen Jahren in einem Volkswagen Serienauto wiederfinden.

Fans sind aus ganz China angereist, um den Rennstars zuzujubeln und sie zu fotografieren.

Es war ein unglaublicher Überraschungserfolg, als die erste internationale Rennserie für rein elektrisch angetriebene Formelautos im vergangenen Jahr debütierte. Niemand hatte mit diesem Erfolg gerechnet: Mehrere Hundert Millionen Fernsehzuschauer verfolgten die Rennen weltweit, knapp 400.000 Fans waren entlang der Stadtkurse unter anderem in Buenos Aires, Miami, Berlin und London live dabei. Schon jetzt rechnen Motorsportexperten fest damit, dass die Formula E bald erfolgreicher sein könnte als die Formel 1.

Samstag 8 Uhr morgens, über dem Olympiastadion zeigt sich die Sonne. Die ersten Besucher trudeln auf dem Gelände ein und flanieren über das „eVillage“, wo Autohersteller und Produzenten von E-Bikes und E-Scootern Zelte aufgeschlagen haben und neue Technologien vorstellen. Dass die Formula-E-Saison in Peking startet, ist ein Symbol. China ist nicht nur größter Automarkt der Welt, sondern auch ein Zukunftslabor für Elektromobilität. Strombetriebene Roller zählen hier seit mehr als einem Jahrzehnt zum gängigen Straßenbild.

An diesem Morgen nutzen neugierige Besucher die Zeit vor dem Qualifiying für Testfahrten auf den neuesten E-Mobilen. Wang Chao, 28, und seine Frau Dun Xiangshen, 24, sind in der Früh mit ihrem silbernen Volkswagen Polo vom anderen Ende der Stadt gekommen. „In ein paar Jahren können wir es uns gut vorstellen, ein Elektroauto zu fahren“, sagt Wang. Für ihn und seine Frau ist es das erste Mal, dass sie ein Autorennen besuchen. Das gilt für viele, die heute auf den Zuschauertribünen Platz nehmen: Das Publikum ist jung, viele sind mit Großeltern und Kindern gekommen.

Daniel Abt signiert weiße Cappys der Fans.
Vater Hans-Jürgen Abt im Fernsehinterview.
Rennwagen auf der Strecke in Peking. Im Hintergrund: das Olympiastadion, das Chinesen „das Vogelnest“ nennen.

Volkswagen bei der Formula E

2014 von Jean Todt initiiert, wird die Formula E weltweit auf zehn Stadtkursen ausgetragen – u. a. in London und Long Beach, Berlin und Buenos Aires. Zu den Piloten der zehn Teams zählen ehemalige Formel-1-Fahrer wie Jacques Villeneuve und Nick Heidfeld. Volkswagen unterstützt das Rennteam ABT Schaeffler als strategischer Partner und setzt so seine Vorreiterstellung in der Elektromobilität fort. Mit rein elektrischen Modellen (e-Golf, e-up!) sowie Plug-in-Hybriden (Golf GTE, Passat GTE) verfügt Volkswagen über die größte Produktpalette mit elektrifizierten Antrieben.

Großstädtisches Publikum anzulocken, nicht nur eingeschworene PS-Fans, auch das gehört zum Formula-E-Konzept. Um dabei zu sein, sind keine teuren Anfahrten und Übernachtungen nötig, Qualifying und Rennen finden am selben Tag statt, immer im Herzen der Stadt auf provisorisch angelegten Strecken. In London kurven die Fahrer durch den Battersea Park, in Berlin führt der Track über den stillgelegten Flughafen Tempelhof, in Los Angeles entlang der Sandstrände von Long Beach. Um sein Trommelfell muss dabei niemand fürchten: Die neuen Elektrogeschosse flitzen mit gerade mal 80 Dezibel über den Parcours. Manche surren wie Mini-Raumschiffe, andere pfeifen wie Wasserkessel kurz vor dem Siedepunkt.

Für die Fahrer ist es ein ganz neues Fahrgefühl. Zurück in der Box beschreibt Daniel Abt den speziellen Reiz der Formula E so: „Wichtig ist nicht nur, im richtigen Moment zu beschleunigen, zu steuern und zu bremsen, es geht auch um Energiemanagement und Smart Driving.“ Abt wurde der Motorsport quasi in die Wiege gelegt. Sein Vater, Hans-Jürgen Abt, ist Leiter seines Rennstalls, seit dem 15. Lebensjahr fährt der Sohn Formelrennen. Das Elektroauto fordert ihm eine neue Art von Fahrintelligenz ab: Lohnt sich Vollgasüberholen bei schwachem Batteriestand? Oder ist es besser Saft zu sparen und bis zur nächsten Runde zu warten, wenn alle anderen ausgepowert sind?

»Wichtig ist auch Energie­ma­nage­ment und Smart Driving.«

Daniel Abt, Rennfahrer

320 Kilo wiegt die koffergroße Batterie, sie bildet das Herzstück der Rennpfeile. Das größte Problem, ähnlich wie bei Smartphones, ist bislang ihre geringe Lebensdauer. Eine volle Batterieladung reicht gerade mal 30 Minuten, also ein halbes Rennen. Das Aufladen dauert allerdings eine Dreiviertelstunde. Die Lösung dafür: Die Fahrer fahren einfach mit zwei Autos. Bei 26 Runden, die in Peking absolviert werden müssen, heißt das: Boxenstopp nach 13 Runden, abschnallen, ab in den zweiten Wagen, anschnallen, weiter geht’s.

Das Qualifying ist vorbei. Daniel Abt wird auf Platz 11 starten, sein Teamkollege, der frühere Formel-1-Fahrer Lucas di Grassi, von Platz 4. Jetzt noch mal kurz durchschnaufen, letzter Wagencheck, Autogramme geben. Noch kennt kaum einer der Fans in Peking die Namen der Fahrer, dennoch werden sie gefeiert wie Stars.

Der brasilianische Rennfahrer Lucas di Grassi nimmt ein Bad in der Menge.

Anders als in den meisten Formelserien entscheidet in der Formula E der Fahrer das Rennen und nicht die Technik. Um sportlich faire Bedingungen herzustellen und die Hürden niedrig zu halten, fuhren in der Premierensaison alle Teams mit dem gleichen Einheitsauto. Für das zweite Jahr wurden Motor, Getriebe und Kühlsystem freigegeben. Einige Teams setzen nun auf zwei Elektromotoren statt nur einen, andere auf nur zwei Gänge statt bisher fünf.

Formula-E-Kalender

Die Saison 2015/16 führt nach ihrem Start in Peking in zehn Stadtrennen über Malaysia, Süd- und Nordamerika in die europäischen Metropolen London, Paris und Berlin.

Auf dem Siegerpodest (von links): Lucas di Grassi (Platz 2), Sébastien Buemi (Platz 1), Nick Heidfeld (Platz 3).

In den kommenden Saisons wird es Schritt für Schritt weitere Änderungen geben. Dann dürfen die Rennställe auch eigene Batterien entwickeln. „Das Ziel ist, dass wir in Saison fünf mit einem Auto durchfahren können“, sagt Teamleiter Hans-Jürgen Abt. Und wer weiß, was die Zukunft bringt: Vielleicht werden die Autos irgendwann über Induktionsstrecken rasen, die während der Fahrt die Batterien aufladen.

Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg. 17.05 Uhr, Siegerehrung auf dem Podium: ABT-Kollege Lucas di Grassi ist Zweiter geworden, gewonnen hat Renault-Pilot Sébastien Buemi. Daniel Abt war zwischendurch auf Platz 8 vorgefahren, verlor während des Boxenstopps aber wertvolle sieben Sekunden: Beim Wechsel ins zweite Auto ging ausgerechnet der Gurt nicht zu. Es reichte immerhin für Platz 9. Zwanzig Punkte hat das Team heute gesammelt, ein guter Anfang. Daniel Abt denkt schon an das nächste Rennen: „Die Balance des Autos stimmt noch nicht, da müssen wir dran arbeiten.“ Gleich gibt es noch eine Nachbesprechung, dann wird erst mal gefeiert. Runterkommen, Adrenalin abbauen. In zwei Wochen wartet Kuala Lumpur.

Nach dem Rennen ist vor dem Rennen: Neun weitere Wettbewerbe warten nach dem Auftakt der Formula E in Peking.