Volkswagen Magazin

Könnte auch das Check-in-Terminal eines kleinen chinesischen Provinzflughafens sein, denkt man auf den ersten Blick: Bildschirmanzeigen, Zahlautomaten, Schalter. WLAN im Wartebereich. Menschen, die Schlange stehen und in Computermonitore tippen. „Hier“, sagt Tao Wenguang, ein kurzhaariger Mann in kariertem Hemd, „legen Sie Ihren Zeigefinger auf den Scanner.“ Die Maschine surrt. „Und jetzt schauen Sie bitte in die Kamera.“ Klick-klick. Der Computer nimmt eine Gesichtserkennung vor. Stimmt mit dem Ausweisfoto überein. Grünes Licht. „Wen möchten Sie heute buchen?“ Herr Tao ruft per Mausklick eine Tabelle auf: Fahrlehrer Zhu mit einer Erfolgsquote von 95 Prozent ist bereits ausgebucht. Dann vielleicht Herr Lin? Bei ihm bestehen laut Tabelle 87 Prozent der Fahrschüler die Führerscheinprüfung.

Nach dem Theorieunterricht trainieren die Schüler sieben Stunden am Simulator. Sie üben Fahren bei Glatteis, Regen, Sturm und in Häuserschluchten.

Willkommen in der Fahrschule Rong’An im Süden Shanghais: ein beigefarbener schmuckloser Bau neben der Stadtautobahn mit vier Hektar Übungsgelände. Mehr als 7.000 Menschen machen hier jedes Jahr ihren Führerschein: Studenten, Fabrikarbeiter, Büroangestellte, Rentner, die sich zum ersten Mal im Leben ein Auto leisten können. So weit, so üblich. Wer jedoch die Gepflogenheiten in der chinesischen Fahrschulbranche kennt, sieht sofort, dass die Rong’An-Fahrschule eine der besonderen Art ist. „Alles bei uns ist volldigitalisiert und transparent“, sagt Herr Tao, der Geschäftsführer. Und am wichtigsten: „Unser System ist absolut betrugssicher.“ Der Fingerscanner und die Gesichtserkennung? Damit wird sichergestellt, dass es sich bei demjenigen, dessen Name später auf dem Führerschein stehen soll, auch tatsächlich um die Person handelt, die hinter dem Lenkrad übt.

In China ist das keine Selbstverständlichkeit. Zwar machen 20 Millionen Chinesen im Jahr den Führerschein, 246 Millionen haben ihn bereits. Ob er allerdings als Nachweis von erworbener Fahrtauglichkeit gelten kann, ist nicht eindeutig mit Ja zu beantworten.

Es gebe kaum eine Fahrschule in China, in der die offiziellen Regeln nicht ziemlich großzügig ausgelegt würden, sagt Tao. Der 54-Jährige ist bereits die Hälfte seines Lebens in der Branche tätig und hat vieles gesehen: Führerscheinbesitzer ohne einschlägige Praxiserfahrung.

Fahrschüler, die mitunter den besten Freund, den Cousin oder gar den Vater zur Prüfung vorschicken. Wer chinesische Freunde nach einschlägigen Erfahrungen mit Fahrlehrern fragt, bekommt Geschichten von miesepetrigen Kettenrauchern zu hören, die einem schon mal entnervt auf die Hand klopften. Zwar sind insgesamt 79 Fahrschulstunden in China vorgeschrieben, davon 42 Praxiseinheiten. Tatsächlich absolviert werden in aller Regel, Tao zuckt mit den Schultern: „Womöglich die Hälfte?“

Es gebe kaum eine Fahrschule in China, in der nicht getrickst wird, sagt Tao.

Um mit gutem Beispiel voranzugehen, gründete er 2008 mithilfe von Investoren seine eigene Fahrschule. Die Rong’An-Fahrschule gilt heute als die modernste Chinas. Ein Vorzeigebetrieb, dank Hightech und eigens entwickeltem IT-System, das auf zwei Prinzipien gründet: Effizienz und Messbarkeit. Nachdem der Computer mich angemeldet hat, teilt er mir eine Nummer zu und legt eine Akte für mich an. Heute heißt meine Fahrlehrerin Frau Zhou. Zwei Minuten vor Beginn der Fahrstunde an diesem Nachmittag fordert der Computer sie per SMS auf, mich in zwei Minuten vor dem Wartesaal abzuholen. Um Punkt 14.00 Uhr wartet sie im weißen Volkswagen Santana auf mich.

»Unsere Fahrlehrer verstehen sich nicht als Meister, sondern als Dienstleister.«

Tao Wenguang, Rong’An Fahrschule

»Piep! Sie sind zu weit über die weiße Linie gefahren.«

Zhou Chunhua, Fahrlehrerin

Zhou Chunhua ist eine fröhliche Mittvierzigerin in Uniform. Der Santana sei das „bewährteste Fahrschulauto überhaupt in China“, erklärt sie mir. Robust, zuverlässig, „egal wie viele Beulen man reinfährt“. Die meisten Fahrschulen in China lassen ihre Schüler darin üben. Ich steige ein und rücke den Rückspiegel zurecht. Dahinter ist eine Kamera installiert. In regelmäßigen Abständen wird sie im Laufe der nächsten 60 Minuten ein Foto von mir schießen. Ein Mikrofon wird jedes Wort von mir beziehungsweise der Fahrlehrerin aufnehmen. Noch mehr Beweise, dass ich die Fahrstunde wirklich absolviert habe.

In großen Städten und auf Autobahnen sind Straßenschilder auch mit lateinischen Buchstaben bedruckt, auf dem Land nur mit chinesischen Zeichen.

Ich fahre auf das Übungsgelände und biege ein zum ersten Wendemanöver. 48 Autos kurven zeitgleich vor und hinter mir im Kreis, alle Wagen haben fingerdicke Antennen auf dem Dach. Per Satelliteninternet schicken sie die Kamera- und Tonaufnahmen aus der Fahrerkabine in Echtzeit in einen Kontrollraum im Hauptgebäude, wo Mitarbeiter an Monitoren wachen. Fahrschüler, die kurz vor der Praxisprüfung allein hinter dem Lenkrad sitzen, werden von ihren Lehrern per Video und Mikro navigiert. Man fährt auf dem Übungsgelände sozusagen in einem Art Hochsicherheitstrakt.
„Hier, Sie sind zu weit über die weiße Linie gefahren“, sagt Frau Zhou nach der dritten Kurve. Ein „Piep“-Geräusch ertönt. Ein Bewegungssensor hat meinen Fahrfehler erfasst und die Information per GPS-Sender an das zentrale IT-System der Fahrschule gesendet. Später werde ich in einer Kartengrafik genauestens nachvollziehen können, wie weit ich die Markierung überschritten habe: um 25 Zentimeter.

»So geht es in einem fort. Motor bei der Hügelanfahrt abgewürgt – ‚Piep‘.«

Xifan Yang, Reporterin & Fahrschülerin

So geht es in einem fort. Motor bei der Hügelanfahrt abgewürgt – „Piep“. Im Tunnel Fernlicht nicht angeschaltet – „Piep“. Die Geräte zur Vermessung und Analyse meines Fahrverhaltens füllen den gesamten Kofferraum: Neben dem GPS-Sender sind dort Computer, Festplatten und Router installiert. Die Kosten der Technik für jedes Auto, erklärt der Chefingenieur später, übersteigen den Wert des Wagens. Wir verlassen das Übungsgelände und fahren auf die Straße. Um uns Shanghaier Peripherie: Fabriken, Lagerhallen, Brachland. Kaum Verkehr eigentlich, was die wenigen anderen Fahrer allerdings umso weniger zum Einhalten von Regeln anspornt: Von rechts überholt mich ein Kleinlaster, von links schießt ein SUV bei Dunkelgelb über die Kreuzung. Frau Zhou hält ihren Fuß stets bremsbereit über der Pedale. Wer in China schon öfter im Auto gefahren ist, wundert sich kaum über die vergleichsweise hohen Unfallraten: Verkehrsschilder zeigen dem gängigen Empfinden vieler nach keine Vorschriften an, sondern allenfalls Empfehlungen. Üblicherweise überlassen Fußgänger Autos den Vortritt, nicht andersherum.

Die Regierung kämpft seit geraumer Zeit mit strengeren Gesetzen und mehr Polizeipräsenz gegen die Straßenanarchie. Und unterstützt reformfreudige Fahrschulen wie Rong’An mit Subventionen. „Die meisten Autofahrer in China denken: Wenn ich nicht überhole, komme ich als Letzter ins Ziel“, sagt Geschäftsführer Tao, nachdem ich den Santana wieder in die Fahrschule gelenkt habe. „Wir wollen positive Vorbilder ausbilden. Wenn andere sehen, dass ich die Regeln einhalte, denken sie vielleicht in Zukunft darüber nach, es ebenfalls zu tun.“

Fahrschulen der Welt.

In Paris erfolgte am 14. August 1893 die erste Fahrprüfung der Welt. Die Führerscheinanwärter mussten beweisen, dass sie ihr Auto notfalls auch selbst reparieren können.

In Norwegen ist der Pkw-Führerschein mit Abstand am teuersten. Er kostet rund 3.000 Euro. Dafür hat die Ausbildung einen sehr guten Ruf.

In Bosnien-Herzegowina dürfen Fahranfänger, die ihren Führerschein noch kein volles Jahr besitzen, zwischen 23 und 5 Uhr nicht mit dem Auto unterwegs sein.

In Nairobi coacht eine Fahrschule ihre Schüler, wie sie sich vor Überfällen im Auto schützen können. 

In Indien kostet die Fahrerlaubnis nur 65 Euro. Die wichtigste Regel vor dem Losfahren: Prüfe, ob kein Hund unter dem Auto liegt.

Stau und Chaos auf der Stadtautobahn: Wegen hoher Unfallgefahr sind Fahrschüler im Stadtbereich verboten.
Bei allen Autos sind innen und auf dem Dach Kameras installiert. Über Screens und Lautsprecher können die Fahrlehrer jederzeit ihre Schüler ansprechen.

Um noch mehr Fahrschüler von dieser Philosophie zu überzeugen, setzt er auf guten Service: „Unsere Fahrlehrer verstehen sich nicht als Meister, sondern als Dienstleister.“ Und Leistungsoptimierer: Frau Zhou kommt mit einem ausgedruckten Datenblatt auf mich zu. Es zeigt an, wie viele Fahrfehler ich gemacht habe. Mein Bremsverhalten. Wie lange ich beim Einparken gebraucht habe. Wenn ich nächste Woche wiederkomme, kann die Software in Zahlen fassen, ob ich Fortschritte mache.

Für künftige Autofahrer gibt es an der Rong’An-Fahrschule übrigens Gratis-Tipps für den Autokauf. Die brennendste Frage dabei ist die: Wie bekomme ich ein Nummernschild? Seit Jahren versteigert Shanghai ihre Kfz-Kennzeichen, um die Zahl der Neuzulassungen einzudämmen. Nicht selten kostet ein solches Schild mehr als der frisch erworbene Volkswagen.