Volkswagen Magazin

Sport

Aus Liebe zum Fußball.

Beim Finale des Volkswagen Junior World Masters in Paris tritt auch ein Team an, das normalerweise barfuß auf Sand spielt. Zu Besuch bei den D-Jugend-Kickern von Médina Chérif im Senegal.

Text Jochen Förster
Fotos Jonas Nefzger
Dreimal pro Woche trainieren die D-Jugend-Spieler der Mittelschule von Médina Chérif auf diesem Bolzplatz.

Es ist 16 Uhr an diesem Donnerstagnachmittag, als sich der Sandplatz hinter der Mittelschule von Médina Chérif langsam mit Leben zu füllen beginnt. Nach und nach kommen sie von der Siesta aus den umliegenden Dörfern zurück: Bassirou, der Torwart, Sanguera, der Abwehrchef, Abdoulaye, der Ballverteiler, Saliou, der Angreifer – und all die anderen. Ein regulärer Trainingstag der Fußball-D-Jugend von Médina Chérif: 13 Kicker zwischen elf und zwölf Jahren hüllen das Feld binnen Minuten in eine meterhohe, rotbraune Staubwolke.

Ein Thermometer ist nicht in Sicht – gäbe es eins, stünde es bei circa 45 Grad im Schatten. Es ist noch heißer als sonst in der Region, der heißeste April seit Jahrzehnten, sagen sie hier, aber das hindert die Jungs keinen Moment daran, so zu sprinten, dribbeln, köpfen und schießen wie lange nicht. Es ist ja auch nicht irgendein Donnerstag, sondern der erste Tag in ihrem Fußballerleben, an dem sie kicken dürfen wie die Profis. Normalerweise spielen sie barfuß. Heute tragen sie Fußballschuhe.

Mittelfeldspieler Abdoulaye Camara (oben) zählt zu der Mannschaft, die das Flugzeug nach Paris besteigt.
Torhüter Bassirou Baldé hofft, in Europa möglichst viele neue Motorräder sehen zu können.

Nicht nur das Wetter ist anders in Médina Chérif, verglichen mit den Ländern Europas, Amerikas und Asiens zumindest, fast alles ist anders, und zuallererst fällt Besuchern aus diesen Ländern auf, was alles fehlt. Auf den ersten Blick: fließendes Wasser, Kanalisation, Strom und Steckdosen, Klimaanlagen, Häuser mit Fenstern, Busse und Laster, die weniger als 20, 30, 40 Jahre alt sind. Auf den zweiten Blick: Internetverbindungen, Krankenversicherungen, Jobs, Geld – und Nahrung, Nahrung, Nahrung.

Unter Afrikas Staaten gilt der Senegal seit Jahrzehnten als Vorzeigerepublik. Eine stabile Demokratie mit relativ geringer Korruption, ein liberaler Islam. Sehr wenig Islamismus, dafür beste Beziehungen in die westliche Welt, vor allem zur Ex-Kolonialmacht Frankreich. Zugleich ist der Senegal ein notorisch strukturschwaches, wirtschaftlich kaum entwickeltes Land. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf liegt unter 1.000 Euro.

Der Senegal ist arm, doch die Casamance ist das Armenhaus Senegals. Die südliche Provinz ist von den Nachbarstaaten Gambia und Guinea-Bissau fast umschlossen, sehr dünn besiedelt und ohne nennenswerte Einnahmequellen.

Länderinfo Senegal

Seit ihrer Unabhängigkeit von der französischen Kolonialmacht 1960 gilt die Republik Senegal als eine der wenigen echten Demokratien Afrikas.

Mehr als 90 Prozent der rund 14 Millionen Senegalesen sind liberale Muslime, die traditionell friedlich mit den Christen (fünf Prozent) koexistieren.

Wichtigste Volksgruppe sind die Wolof; im Süden des Landes dominieren die Fulbe, deren Sprache Pulaar (Peul) mit der Wolof-Sprache verwandt ist.

Die meisten Senegalesen sind Bauern, die Subsistenzwirtschaft betreiben. Armut ist das größte Problem des Landes. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf/Jahr liegt bei 934 Euro. Im Human Development Index 2015 belegt der Senegal Platz 170 (von 188 Ländern).

»Wenn ich erwachsen bin, will ich so gut halten können wie Keylor Navas oder Manuel Neuer.«

Bassirou Baldé, Torhüter

Fast alle Menschen hier sind Bauern, sie tauschen Geerntetes, leben buchstäblich von der Hand in den Mund, viele haben weniger als zehn Euro pro Monat zur Verfügung. Die meisten ernähren sich von Reis, den sie in der drei bis vier Monate dauernden Regenzeit anbauen. Ist die Ernte schlecht, wird das halbe Jahr gehungert. Saubere Brunnen sind die Lebensversicherung, Ziegen und Schafe, Esel und Kühe das größte Kapital der Menschen. Anders als im trockeneren Norden ist die Natur hier im subtropischen Süden Senegals reich und vielfältig. Da der Grundwasserspiegel nur zwei Meter unter der Erde liegt, sind die Laubbäume zahlreich und immergrün. Vor allem Affenbrotbäume sind häufig, ihre Früchte, Wurzeln und Blätter bilden eine wichtige Nahrungsquelle.

Das Leben ist anders, doch die Helden sind dieselben: Messi-, Suárez- und Neymar-Trikots sind auch im Senegal sehr populär.

Wenn es etwas gibt, das die Kids hier mit dem Rest der Welt verbindet, dann ist es die schiere Liebe zum Fußball. Die meisten von ihnen mögen nicht wissen, wie der US-Präsident heißt oder wo der Eiffelturm steht, aber die Namen der weltbesten Kicker von Real Madrid, dem FC Barcelona oder Paris Saint-Germain kennen sie ganz genau. Wenn eine WM oder EM, ein Champions-League-Spiel oder eine Partie von Senegals Nationalelf ansteht, stellt der Betreiber des Cafés am Ort seinen Fernseher mit Satellitenempfang vor die Eingangstür und das ganze Dorf guckt gemeinsam.

Die Ruhe vor der Übergabe: die Nachwuchskicker in Erwartung ihrer ersten Fußballschuhe.

»Jeden Tag fragen mich meine Jungs: Trainer, wie oft müssen wir noch schlafen bis Paris?«

Moussa Baldé, Sportlehrer

Die „YOU Stiftung – Bildung für Kinder in Not“, gegründet von der UNESCO-Sonderbotschafterin Ute-Henriette Ohoven, engagiert sich seit Langem in der Region, gemeinsam mit dem Technologieunternehmen ZF Friedrichshafen AG errichtete die Stiftung 2015 die neue Mittelschule von Médina Chérif. 600 Schüler von der 5. bis 10. Klasse werden hier unterrichtet. Es gibt einen eigenen Trinkwasserbrunnen, eine Kantine, eine Bibliothek und – last, but not least – einen recht holperfreien Bolzplatz mit zwei richtigen Fußballtoren sowie ein D-Jugend-Team, dessen größte Reise nun kurz bevorsteht.

Als bei Volkswagen die Idee entstand, für die Finalrunde des Junior Masters ein afrikanisches Team einzuladen, wurde man durch den langjährigen Kooperationspartner YOU Stiftung schnell im Senegal fündig. Seit 1999 veranstaltet die Volkswagen AG das Turnier, inzwischen eine Art Club-WM für unter 13-jährige Jungen und unter 15-jährige Mädchen, und stets laden die Veranstalter zur Finalrunde auch Teams aus Ländern ein, deren Infrastruktur die Austragung nationaler Vorausscheidungen nicht ermöglichen würde. Die Teams sind direkt qualifiziert. Ihre Kicker kennen Flugzeuge meist nur aus der Ferne.

Abdoulaye, Bassirou und die anderen zwölf hatten ihre Provinz Kolda bis vor Kurzem noch nie verlassen, doch in den vergangenen Wochen fuhren sie bereits dreimal mit dem Bus elf Stunden in die Hauptstadt Dakar. Einmal um das Visum zu beantragen, einmal um es abzuholen, ein drittes Mal für den Reisepass. Einer der 14 musste gestern nochmals nach Dakar, deshalb sind heute nur 13 Spieler beim Training. Am 13. Mai geht es für sie nach Paris, um mit 20 anderen Teams den Champion auszuspielen. „Die meisten können seit Wochen kaum schlafen, so aufgeregt sind sie“, erzählt Moussa Baldé, Sportlehrer und Trainer des Teams. „Jeden Morgen kommen sie vor der ersten Stunde zu mir und fragen: Trainer, wie oft müssen wir noch schlafen?“

Volkswagen Junior World Masters

Das Jugendfußballturnier für 11- bis 15-jährige Jungen und Mädchen wurde in Deutschland 1999 mit anfänglich 78 Mannschaften gestartet und seit 2005 weltweit alle zwei Jahre unter den Landessiegern ausgetragen. Beim Finale in Rom 2014 nahmen 23 Teams aus 22 Ländern teil. Im Finale im Stadio Olimpico besiegte der FC Basel Beşiktaş Istanbul im Elfmeterschießen.

Vom 13. bis 16. Mai 2016
treffen die Sieger von 21 nationalen Wettbewerben im Leistungszentrum des französischen Fußballnationalverbands FFF in Clairefontaine bei Paris aufeinander.

Abdoulaye Camara zählt zu den geschicktesten Technikern im Team, er ist Mittelfeldmotor und Tonangeber zugleich. Mit seiner Familie wohnt er in einem kleinen Dorf rund sieben Kilometer entfernt. Schulbusse gibt’s nicht, ein Fahrrad besitzt er nicht. Morgens läuft er anderthalb Stunden durch die Savanne zur Schule, nachmittags den selben Weg zurück, fast immer bei sengender Hitze.

Mit seinen Eltern und vier Geschwistern wohnt Abdoulaye in einer kleinen Steinhütte mit Strohdach, wie fast alle Leute hier. Sein Vater ist oft unterwegs, er arbeitet in einer der vielen Gruppen, die illegal Holzkohle herstellen. Seine Mutter schmeißt den Haushalt, kocht, gärtnert, erntet, wäscht, putzt und erzieht die Kinder. So ist das Leben hier: arbeits- und entbehrungsreich, klimatisch extrem heiß und zwischenmenschlich sehr warm. Senegalesen sind ausgesprochen gastfreundlich. Haben sie Gäste, geben sie das Beste, was sie haben.

Das Team auf einen Blick

»In Paris gibt es sicher viel mehr Lärm als hier bei uns.«

Sanguera Diao, Abwehrspieler

Große Leidenschaft: Die jungen Kicker verbringen jede freie Minute auf dem Spielfeld.

Bassirou zählt zu den privilegierten Kindern der Schule, sein Onkel ist dort Mathelehrer und verdient rund 200 Euro im Monat, ein Spitzengehalt in Médina Chérif. Entsprechend kümmert er sich um den Nachwuchs der erweiterten Familie. Zwei Nichten wohnen bei ihm und seiner Frau, sein Neffe Bassirou, dessen Eltern in Dakar arbeiten, sowie vier leibliche Kinder. „Im Senegal ist der Familienzusammenhalt sehr stark“, erklärt Bassirous Onkel. „Wer es sich leisten kann, sorgt für den Nachwuchs – den eigenen und den der Familie.“

Wie sich die Kids Europa vorstellen? „Da ist sicher viel mehr Lärm als hier“, sagt Sanguera. „Da gibt’s hohe Häuser“, meint Mamadou. Tidiane vermutet, dass in Paris Taxis en masse herumfahren (er liebt Taxis), Bassirou malt sich jede Menge Motorräder aus (er liebt Motorräder) und Abdoulaye Diao befürchtet, in so einer riesigen Stadt wie Paris könne man vermutlich kaum atmen. Nur in einem sind sich alle miteinander einig: Es wird sehr, sehr kalt.

YOU Stiftung

Die gemeinnützige Organisation setzt sich für nachhaltige Bildung und Erziehung notleidender Kinder weltweit ein. Sie finanziert sich ausschließlich durch Spenden.