Volkswagen Magazin

Pralle Schäfchenwolken werfen Schatten auf spiegelglattes Wasser, gemächlich fließt die Havel an der kleinen Stadt Rathenow vorbei in Richtung Norden. Am Ufer stapft Rocco Buchta in schweren Stiefeln durch sumpfiges Gras, vor dem mannshohen Schilf schiebt er die Ärmel seiner Outdoorjacke hoch und bahnt sich den Weg zur sandigen Bucht. Pappeln rascheln, Silberweiden wiegen sich im Wind, an einem kleinen Steg schaukelt gemütlich ein hellblaues Ruderboot. Ein idyllischer, naturnaher Ort, den Rocco Buchta Besuchern gerne zeigt.

Hier, in der Unteren Havelniederung, erholt sich derzeit der Fluss. Nur das Zwitschern der Vögel und das Rauschen der Blätter ist hörbar.

Die leuchtend gelbe Sumpfschwertlilie blüht im Frühsommer. Sie erreicht Wuchshöhen von bis zu zwei Metern.

Es fahren keine Frachter, an diesem Tag sieht man nicht mal Ausflugsboote oder Angler. Rocco Buchta fachsimpelt an solchen Orten gern über 43 Fischarten, die sich in den letzten Jahren hier deutlich vermehrt haben oder über die Dynamik der Auenwälder. Entzückt bückt er sich auf Spaziergängen zu einem der vielen Hahnenfußgewächse. „Sie färben das Ufer so wunderbar gelb“, sagt er.

Seit zehn Jahren leitet der Brandenburger das größte Flussrenaturierungsprojekt Europas – über 90 Kilometer erstreckt sich die Havel, durchfließt Brandenburg und Sachsen-Anhalt, um in die Elbe zu münden. Im Amtsdeutsch ist Rocco Buchta „Projektleiter Gewässerrandstreifenprojekt Untere Havelniederung“ für den Naturschutzbund Deutschland, kurz NABU.

NABU-Projektleiter Rocco Buchta im Gespräch mit Redakteurin Ina Brzoska.

Es ist das Projekt seines Lebens. Als die Fördergelder bewilligt worden waren, legte er sein damaliges Amt als Leiter des Naturparks nieder. Es geht um die Renaturierung eines Flusses, der ab 1910 ausgebaut und auf Kosten der Flora und Fauna viele Jahrzehnte von schweren Frachtern befahren wurde. Über 25 Millionen Euro sollen bis 2024 investiert werden – Geldgeber sind unter anderem das Bundesministerium für Umwelt (BMUB) sowie die Länder Brandenburg und Sachsen-Anhalt.

Auch die VolkswagenStiftung zählt zu den finanziellen Unterstützern. Kürzlich hatte Rocco Buchta hohen Besuch aus Südkorea, die Beamten ließen sich für heimische Umweltschutzprojekte inspirieren.

Rocco Buchta ist eigentlich studierter Maschinenbauer. Ein technisch versierter Mann, der sich nach der Wende ganz bewusst entschied, in der Heimat zu bleiben. Schon als kleiner Junge hat er hier im Schilf gespielt, ist über überschwemmte Wiesen und zwischen hohen Weiden herumgestromert. Mit dem Großvater fuhr er im Boot meist schon morgens um vier zum Angeln.

»Ich habe den Traum, dass meine Enkel wieder in einer glasklaren Havel baden.«

Rocco Buchta, NABU-Projektleiter

Als die Havel Stück für Stück ein Korsett aus Steinen bekam, mussten beide mit ansehen, wie der Fluss litt. Das Wasser war zu einer grünen Brühe geworden. „Ich habe meinem Opa schon in den 70er-Jahren fest versprochen, dass ich das in Ordnung bringe“, sagt er.

Wer mit ihm an der Havel entlangspaziert, kann sehen, wie dank verschiedener Maßnahmen der Fluss wieder zum Leben erwacht. Deiche werden zurückgebaut, fast 30 Kilometer Deckwerke am Ufer beseitigt. Radtouristen, die die Region immer öfter wegen der wasserreichen Auenlandschaften aufsuchen, freuen sich neuerdings über sandige, von Schilf umrahmte Uferstellen.

Dieser lilafarbene Schnittlauch blüht im Frühsommer in der Havelniederung.

Ebenso die Besucher der Bundesgartenschau (BUGA), die noch bis zum 11. Oktober ihre Pforten geöffnet hat. Die BUGA präsentiert sich diesmal an fünf Standorten in der Havelregion. In Havelberg lässt sich von einer Aussichtsplattform der im letzten Jahr restaurierte Flussarm begutachten, zudem gibt es zahlreiche Informationen rund um das Naturschutzprojekt.

Rund 1.100 stark bedrohte Tierarten finden hier Lebensraum. Im Gras krabbeln unzählige Käfer, Ringelnattern kriechen durch den Auenwald. Fisch- und Seeadler, Kraniche und Störche stehen sinnbildlich für die Region. Es geht auch um Hochwasserschutz. Durch die Wiederherstellung von Überflutungsflächen kann künftig die Elbe noch etwas besser bei Hochwasser entlastet werden.

Das Wasser hat die Möglichkeit, sich auf den vielen Überflutungsflächen der Unteren Havelniederung auszudehnen. „Zehn Zentimeter bringen viel, da geht es um ein paar Hundert Keller, die nicht nass werden“, sagt Rocco Buchta. Bei vielen heimischen Landwirten hat er nicht zuletzt wegen Hochwasser viel Überzeugungsarbeit leisten müssen, dabei sind überschwemmte Feuchtwiesen in der eiszeitlich geprägten Urstromtallandschaft etwas völlig Natürliches. Hinzu kam die Bürokratie. In Rocco Buchtas Büro stehen reihenweise dicke Aktenordner. Er hat sich mindestens ebenso viel mit Wasserstraßenrecht, Planfeststellungs­verfahren oder Baurecht beschäftigen müssen wie mit Ökologie.

»Wenn das Schilf wächst, werden auch bald mehr Aale in die Havel zurückkehren.«

Wolfgang Schröder, Fischer

Eine der größten Herausforderungen ist es, 15 Altarme an die Havel anzuschließen. Ein gutes Beispiel ist die Volkswagen Insel, die in der Nähe von Rathenow bald durch den Anschluss eines Altarms entstehen soll. Es ist ein Projekt, das ohne die Hilfe von Volkswagen nicht hätte gestemmt werden können. Rocco Buchta kann heute genau zeigen, wo diese Investition bald Früchte tragen wird.

Bald dürfen auf der Havel auch wieder Ausflugsboote fahren.

Er marschiert auf eine schmale Halbinsel, die in die Havel ragt. Links von ihm befindet sich die Schliepenlanke, eine abgeschnittene Flussschleife, in der dunkelgrünes Wasser schwappt. Es ist ein vermodertes Gewässer, in dem die einstmals sandige und mit Wasserpflanzen bewachsene Sohle heute unter Schlamm begraben ist. Rechts fließt der Fluss. Rocco Buchta deutet auf den Damm, der die Flussschleife von der Stromhavel trennt.

Er soll weg, damit das Wasser der Havel wieder durch den Altarm fließen kann. Die Planung dieses Projekts wurde bereits erfolgreich abgeschlossen, man steht kurz vor der Genehmigung. „Ohne die Spende von Volkswagen hätten wir hier gar nichts unternehmen können“, sagt er. Nun hofft er auf weitere Investitionen, damit die Volkswagen Insel möglichst bald Realität wird. Viele fragen ihn, warum das Renaturierungsprojekt so viel Geld verschlingt. „Wir müssen in Verhandlungen mit den Anwohnern Grundstücke erwerben, der Schlamm aus den Altarmen muss außerdem auf Altlasten überprüft und ordnungsgemäß entsorgt werden“, sagt Rocco Buchta.

Pferden in der Havelregion schmeckt das saftige Gras der feuchten Wiesen.
An der Havel erobert die Natur ihr Revier zurück.
Radfahrtouristen lieben den Blick über die Havel.

Doch immer wieder betont er, wie sehr die Region davon profitieren wird. Dass gereinigte und angeschlossene Altarme den Lebensraum für bedrohte Tiere enorm vergrößern. Dass heimische Fischer und vor allem der Tourismus profitieren werden. In einigen Jahren, so hofft Rocco Buchta, wird das Wasser wieder so klar sein wie damals, als er als Kind hier gespielt hat. „Ich habe den Traum, dass meine Enkel wieder in einer glasklaren Havel baden“, sagt er.

Plötzlich hält er inne. Er legt den Zeigefinger auf den Mund, damit seine Besucher diesen eindringlichen Rufen zuhören, die gerade erklingen. Es ist ein Drosselrohrsänger. „Kaare, Kaare, krieht, krieht“, singt der Vogel – im Volksmund besser bekannt unter dem Namen Rohrspatz. Jetzt im Frühsommer ist dieser Drosselrohrsänger sehr damit beschäftigt, sein Revier zu markieren. „Ich könnte ihm den ganzen Tag zuhören“, sagt Rocco Buchta.

Die Kooperation.

Umweltschutz NABU und Volkswagen arbeiten im Rahmen einer langfristig angelegten Kooperation seit einigen Jahren eng zusammen. Die Partner haben sich zum Ziel gesetzt, zur Gestaltung einer nachhaltigen Entwicklung eigene konstruktive Beiträge zu leisten. Investiert wird unter anderem in Moor-, Wald- und Tierschutzprojekte.