Volkswagen Magazin

Wenn Manpreet Singh erklären soll, warum er so verrückt nach Autos ist, spult er auf seinem Smartphone eine Szene aus „Darjeeling Limited“ ab. Ein verzweifelt dreinblickender Bill Murray sitzt in einem schwarz-gelben Taxi, das sich hupend durch das Verkehrsgewusel Mumbais quält. Den Fiat hat Manpreets Vater gebraucht ersteigert und restauriert. Regisseur Wes Anderson hat den Oldtimer für die Dreharbeiten bei ihm angemietet. In der US-Filmkomödie begeben sich drei Brüder auf eine spirituelle Reise durch Indien.

Die Nähe zu den Bollywood-Studios in Mumbai beschert Manpreets Familie öfter Aufträge, sein Vater Agyapat Singh besitzt eine kleine Werkstatt und hat sich auf die Restauration von Vintage Cars spezialisiert. Manpreet ist zwischen alten Bullis, Beetles, Fiats oder Chevrolets aufgewachsen. Ersatzteile einbauen, Dichtungen verkleben oder den Wagen lackieren, all das hat er vom Vater gelernt und der von seinem Großvater. „Seit vier Generationen ist unsere Familie im Transportgeschäft“, sagt Manpreet, den Freunde nur „Manni“ nennen. Als er sich nach der Schule für einen Beruf entscheiden sollte, stand für ihn schnell fest, dass er der Tradition treu bleiben würde. „Ich liebe es, mit meinen Händen zu arbeiten“, sagt er.

Ein restaurierter Chevrolet vor der Werkstatt der Familie Singh.

»Ich bin mit Oldtimern groß geworden.«

Manpreet Singh, VG-TAP-Student

Doch so schön die Oldtimer auch sind, Manpreet wusste, dass sich der Automobilsektor in Indien verändert. Die meisten der alten Fiat Taxen sind inzwischen von den Straßen verbannt, ihre Motoren verpesteten die Luft – ein Grund, warum Mumbais Abendsonne regelmäßig im Smog versinkt. Die junge Generation gut verdienender Inder wünscht sich heute neben spritsparenden Fahrzeugen vor allem Sicherheit. Denn nichts birgt in Megametropolen wie Mumbai, Delhi oder Bangalore so viele Herausforderungen wie der unberechenbar chaotische Verkehr.

Neue Antriebe, innovative Assistenzsysteme und intelligente Elektronik prägen die Konsumwünsche der Mumbaikars. Doch Manpreet fand, dass er viel zu wenig darüber wusste. „Ich möchte meine Kenntnisse über neue Autos verbessern“, sagte er zu seinem Vater. Ein befreundeter Mechaniker erzählte von einem der modernsten Ausbildungsprogramme in dem Bereich, das in Kooperation von Volkswagen angeboten wird. VG-TAP (Volkswagen Group Technical Education Program) nennt sich diese technische Ausbildung, die das Father Agnel ITI College etwas außerhalb von Mumbai anbietet. Manpreet bewarb sich und bestand dank seiner Vorkenntnisse sofort den Aufnahmetest.

Moderne Lehre

Es ist ein glühend heißer Donnerstag, 10 Uhr morgens in Mumbai. Draußen lärmt das tägliche Verkehrschaos, leichter Rauch weht über die Stadt. Vor dem Father Agnel ITI College parken leuchtend gelbe Schulbusse. Das private Institut im Außenbezirk Navi Mumbai zählt zu den besten technischen Ausbildungsstätten in ganz Indien. Es sind die ersten Wochen für Manpreet und seine Kommilitonen.

An diesem Morgen drängen sich Studenten wissbegierig um das neue Fahrzeug, einen Volkswagen Jetta Baujahr 2009. Manpreet, mit 23 Jahren einer der Ältesten, hat den Wagen souverän an den Computer angeschlossen. Heute geht es darum, Auto und Laptop miteinander zu vernetzen, um die wichtigsten Daten abzufragen und zu überprüfen. Zu Beginn der Ausbildung dreht sich alles um die Basics: Wie lade ich die Batterie auf, wie kontrolliere ich den Rad-, Öl- oder Wasserstand, wie funktioniert das Feintuning der Lichteinstellung?

VG-TAP-Studenten während ihrer Theorievorlesung am Father-Agnel-Institut.

„Uns ist es wichtig, dass Studenten ein Gefühl für einen Volkswagen bekommen, denn meist ist in der Familie kein Auto vorhanden“, sagt Suresh Nagaraja. Er selbst ist von Beruf Fahrzeugingenieur, war viele Jahre bei Volkswagen Group Sales India Pvt Ltd (VWGISPL) im Einsatz und einige Male beruflich auch in Deutschland unterwegs. Aufgrund seiner didaktischen Fähigkeiten wurde er zum Manager für Technical Training und die VG-TAP-Ausbildung auserkoren. Als Suresh Nagaraja sich Institute und Universitäten für angehende Mechaniker und Ingenieure in Indien anschaute, musste er feststellen, dass überall veraltete Techniken gelehrt wurden – als Anschauungsmaterial dienten unter anderem Motoren, die über 50 Jahre alt waren. „Die staatliche Ausbildung hinkt den Innovationen bei Volkswagen eklatant hinterher“, sagt Suresh Nagaraja. Aus diesem Grund sahen er und sein Team dringend Handlungsbedarf.

»Ein Lehrer steht in Indien auf einer Stufe mit Gott.«

Sujit Patil, Technischer Ausbilder

»Ich möchte die modernen Werke in Wolfsburg besichtigen.«

Suraj Nikam, VG-TAP-Student

Mit diesem Mikrometer kann Suraj feinste Unebenheiten im Getriebe erkennen.

Seit 2010 investiert Volkswagen Group Sales India daher in die Ausbildung fahrzeugaffiner Studenten. Das VG-TAP-Programm ist ein gutes Beispiel für die groß angelegte Ausbildungsoffensive, die Verantwortliche vor gut fünf Jahren gestartet haben und von der Studenten wie Manpreet heute profitieren. Gefördert werden nicht nur technische, sondern auch mechatronische Ausbildungen. Ebenso stehen Handel und Verkauf sowie eine gezielte Förderung von Frauen im Fokus. Es geht darum, den Nachwuchs besser auf die Bedürfnisse von Autohäusern, Werkstätten und Fabriken vorzubereiten. Die VG-TAP-Ausbildung sollte so praxisnah wie möglich sein. Neben Vorlesungen und Übungen gehen Schüler daher mehrere Wochen in Autohäusern in die Lehre. Dort fahren sie auch mal Polo, Passat oder Vento.

Für Studenten, die dieses Programm durchlaufen, sind die Ausbildungsbedingungen deutlich besser als an staatlichen Einrichtungen. Lehrwerkstätten wurden aufwendig saniert und entsprechen nicht nur räumlich europäischen Standards. Studenten arbeiten hier auch mit modernem Equipment: Gelehrt werden neue Antriebs- oder Sicherheitstechniken an modernen Motoren oder Handschaltgetrieben. Zu den Studienobjekten gehören auch Multifunktionslenkräder mit integriertem Airbag.

Aufgrund des Erfolgs des VG-TAP-Programms forciert VWGSIPL jetzt gemeinsame Projekte mit 18 Instituten an verschiedenen Standorten in Indien. Auch Dozenten erhalten Fortbildungen in der Volkswagen Academy in Pune, dem Epizentrum der modernen indischen Automobilindustrie. „Indem sie selbst wieder zu Schülern werden, reflektieren sie auch die Art ihres Unterrichts und versuchen, das neue Wissen noch verständlicher zu vermitteln“, sagt Suresh Nagaraja.

Mahesh Rane, Leiter der Volkswagen Academy

Um die Studenten ideal zu fördern, ist es wichtig, dass wir ihre technischen Vorkenntnisse kennen und ihren familiären Background einschätzen können. Deshalb stehen wir in regem Austausch mit den Lehrern unserer Partnerinstitute. Sie laden die Eltern oder Geschwister oft zu Veranstaltungen ein oder besuchen die Familien auch zu Hause.

Die Bilanz des VG-TAP-Programms spricht für sich: Von 1.018 teilnehmenden Studenten machten 788 erfolgreich einen Abschluss, 361 erhielten eine Anstellung bei der Volkswagen Group als Service-Techniker. Die Qualität der Ausbildung hat sich über die Grenzen Indiens rumgesprochen, inzwischen werden Absolventen sogar schon nach Dubai abgeworben.

Zukunftschancen

Jene, die nach dem Programm eine Anstellung in Autohäusern erhalten, stehen meist erst am Beginn ihrer Karriere. Zwei der erfolgreichsten Absolventen sind Tejas Rane, 22, und Suraj Nikam, 21. Derzeit werden sie von Volkswagen zu Meistertechnikern ausgebildet, neben technischem Know-how sollen sie bald auch Führungsverantwortung übernehmen. „In deutschen Unternehmen geht es strukturierter zu, das hilft bei der Teamarbeit“, sagt Tejas. Für ihn ist die Ausbildung eine große Chance. Sein Vater arbeitete als Mechaniker für Tuk-Tuks und versteht von den Dingen, die sein Sohn lernt, kaum noch etwas. Die Familie lebt in einer winzigen Einraumwohnung in einem Randbezirk Mumbais. Aus ganz ähnlichen Verhältnissen stammt Suraj, seine Familie kam aus einer ländlichen Region nach Mumbai, in der Hoffnung, dass die Kinder hier eine gute berufliche Zukunft erwartet. Das Geld, das Suraj und Tejas bei Volkswagen verdienen, geben sie an die Familie ab – schon jetzt liegt das Gehalt der jungen Inder um ein Vielfaches höher als das der Väter.

»Ich mag die strukturierte Arbeitsweise der Deutschen.«

Tejas Rane, VG-TAP-Absolvent

Suresh Nagaraja, Manager Technical Training

Ich habe diesen Beruf ergriffen, weil ich eine immense Befriedigung verspüre, wenn ich sehe, dass Schüler durch unseren Unterricht Fortschritte machen. Studenten, die wir ausbilden, haben bessere Berufsaussichten. Sind sie beruflich erfolgreich, bessert sich auch der Lebensstandard ihrer Familien.

VG-TAP-Student Tejas zählte zu den besten Absolventen in 2012.
VG-TAP-Student Tejas mit seinen Eltern vor ihrem Wohnhaus.

„Mich fasziniert Hybrid-Technologie“, sagt Suraj. Oft googelt er nach technischen Details im Internet, überhaupt ebnet das World Wide Web ihm den Zugang zu Innovationen in der Automobilindustrie. So kam er auch auf die Idee, Wolfsburg zu besuchen. Suraj hat Indien noch nie verlassen, aber er hat sich fest vorgenommen, die Heimat von Volkswagen kennenzulernen. „In Wolfsburg werden die modernsten Motoren der Welt gebaut, die Fabriken würde ich mir gerne anschauen“, sagt er. Wie er sich Wolfsburg vorstellt? „Grün, friedlich, sauber und vermutlich ist es sehr leer auf den Straßen im Vergleich zu Indien.“

Phaeton in Bollywood

Manpreets Familie hofft, dass der Sohn im Geschäft mit den neuen Autos Fuß fasst. „Ich bin der Oldtimer und du bist der Newtimer“, sagte Vater Agyapat kürzlich. „Du könntest mit deinem Wissen unser Geschäftsfeld erweitern.“ Manpreet gefällt die Vorstellung, schon jetzt fachsimpelt er gerne mit dem Vater und seinen Kollegen über technische Neuerungen in modernen Autos. Auch er würde gerne Deutschland besuchen, am liebsten Dresden, weil er gelesen hat, dass der Phaeton dort in der Gläsernen Manufaktur produziert wird. Und was wird aus Bollywood? „Vielleicht lässt sich mein künftiger Job mit Bollywood verbinden“, überlegt Manpreet und lächelt. Schließlich kommen auch dort immer mehr moderne Fahrzeuge zum Einsatz und jüngst hat Shah Rukh Khan, Indiens berühmtester Schauspieler, stolz vor einem neuen Phaeton in Bollywood posiert.

Wie Volkswagen die Qualität der Ausbildung in Indien sichert

Berndt A. Buchmann, Director Group After Sales und Vehicle Logistics

Herr Buchmann, welche Qualifikationen bringen Inder für Volkswagen Group Sales mit?
Inder sind geniale Multitasker. Das Leben in Großstädten wie Mumbai zwingt sie dazu, logisch und schnell zu denken, deshalb besitzen sie eine schnelle Auffassungsgabe und sind sehr flexibel. 

Es heißt, Inder sind Handelsweltmeister. Wo liegen die Herausforderungen, wenn sie in Autohäusern von Volkswagen zum Einsatz kommen?
Wir vermitteln den Studenten, dass nicht der schnelle Deal das Ziel ist, sondern fordern sie auf, mehr in Richtung Kundenzufriedenheit denken. Wenn der Service-Berater verspricht, dass der Kunde das Auto in zwei Tagen bekommt, dann gilt es, solche Versprechen einzuhalten. Werte wie Verbindlichkeit, Verlässlichkeit und Vertrauen müssen alle unsere Mitarbeiter verinnerlichen.

Wie sichert Volkswagen die Qualität der Ausbildung an gesponserten Instituten und Universitäten?
Zunächst einmal statten wir die Lehrwerkstätten mit modernen Aggregaten, Motoren und Fahrzeugen aus. Es ist unerlässlich, dass Studenten praktische Übungen mit neuem Equipment absolvieren, die Volkswagen Standards entsprechen.

Welche Erfahrung machen Sie mit Dozenten der Partnerinstitute?

Sehr gute. Wir laden technische Ausbilder einmal im Jahr an die Volkswagen Academy in Pune ein. Inder sind wissbegierig und freuen sich, dass sie neu erworbenes Wissen an die Studenten weitergeben können. Wir begleiten und kontrollieren auch die Tests, die Studenten an unseren Partnerinstituten absolvieren, so sichern wir die Qualität der Ausbildung.

Volkswagen India

Der Markt Stationiert in Pune, Maharashtra, repräsentiert die Volkswagen Group India neben Volkswagen auch die Marken Škoda, Audi, Porsche und Lamborghini. Um den Bedarf an Fachkräften zu sichern, startete 2010 eine groß angelegte Ausbildungsinitiative auf mehreren Ebenen in Unterstützung mit der Deutschen Entwicklungsgesellschaft (DEG).

Die Nachwuchstalente Ausgebildet und zertifiziert werden Mechaniker und Maschinenbauer im VG-TAP (Volkswagen Group Technical Education Program), im SATP (Service Advisor Talent Program), im SCTP (Sales Consultant Talent Program) und in Autotronics – Leiter der Ausbildungsakademie ist Mahesh Rane. Dank des Engagements seines Teams kann die Volkswagen Group India aus dem Pool exzellente Mitarbeiter sowohl für den Handel als auch für diverse Produktionsstätten gewinnen.