Volkswagen Magazin

Leben

»Es geht ums einfache Leben.«

2010 kaufte sich ein englisches Paar einen 15 Jahre alten Volkswagen T4. Nach einigen Umbauten und vielen Abenteuern heißt der Bulli heute The Rolling Home – und ist der Star einer Reise-Community im Internet.

Text Joachim Hentschel
Fotos Lauren Smith und Calum Creasey

Wenn man mit Lauren Smith und Calum Creasey über ihren Volkswagen T4 Bus spricht, dreht sich die Unterhaltung nicht lange um Motortypen und Keilriemen, Campingplätze oder die Küstenstraßen Portugals. Man landet relativ schnell bei den großen Fragen des menschlichen Daseins. „Wenn man mit dem Bulli unterwegs ist, geht es darum, mit wenig Besitz auszukommen“, sagt Lauren. „Das einfache Leben! Alles dabei zu haben, was man wirklich braucht!“

„In einem Haus tendiert man ja dazu, alle Zimmer mit Krempel zu füllen“, sagt Calum. „Im Bus kommt man gar nicht in die Versuchung. Man besinnt sich darauf, was wichtig ist.

Calum Creasey und Lauren Smith, ein Paar im Bulli-Reisefieber. Ihr größter Trip 2013: vier Monate lang durch Europa, 7.000 Meilen durch Portugal und Italien bis nach Schweden.

Das ungewöhnliche Innenraumdesign mit dem L-förmigen Bett und der hinten liegenden Küche haben sie selbst entworfen. Unten: Weitblick an der Küste Galiciens bei Vigo.

Man kann überall zu Hause sein.“ Und schon wünscht man sich in die Ferne – an die Surfstrände Galiciens, in die Pinienwälder an der französisch-spanischen Grenze, an die Küste im englischen Cornwall. Lauren und Calum stecken Zuhörer mit ihrer Reisebegeisterung schnell an.

Beide sind 26, aufgewachsen in New-port Pagnell, einer Kleinstadt in der Mitte Englands. Seit neun Jahren sind sie ein Paar, führen heute zusammen eine kleine Kreativagentur. Und sind seit Sommer 2010 gemeinsame Besitzer von The Rolling Home – dem T4 mit Baujahr 1995, den sie für 1.200 britische Pfund in einer Onlineauktion kauften, mit knapp 100.000 Meilen auf dem Tacho.

Heute ist der Bus weltbekannt. Vom Start weg dokumentierten Lauren und Calum ihre Reiseabenteuer in einem Blog, wurden so nach und nach zum Knotenpunkt einer Internet-Community. Vernetzten sich mit Bulli-Fans, die sie bei ihren Fahrten trafen – und mit vielen neuen Freunden aus aller Welt. Sie haben ein eigenes Buch und Magazin veröffentlicht (siehe Kasten am Ende der Geschichte). 2015 starteten sie einen Instagram-Account, der längst bei einer sechsstelligen Zahl von Abonnenten steht.

„Das Tollste an dieser Gemeinschaft ist, Bilder und Nachrichten von Menschen zu bekommen, die wir mit unserer Leidenschaft angesteckt haben“, sagt Calum. „Und dann zu spüren, wie wir durch diesen Input wiederum selbst neu inspiriert werden.“

Work in progress für immer: Wie das heimische Wohnzimmer ist auch der Bulli-Innenraum nie ganz vollendet.



1 Zugang zu Kühlschrank und Lagerraum

2 Rückenlehnen aus Schaumstoff ergeben zusammen­gefaltet das Bett

3 Stauraum unter dem Bett

4 Kleiderschrank für zwei Personen

5 Dreistöckiges Schubladen- und Stauraummodul

6 Gewürzbord: Salz, Pfeffer etc.

7 Rückwand mit Spritzschutz

Verschiedene Evolutionsstufen des Rolling Home. Was wehtat (links): Fürs Hochdach musste ein Loch in den Bulli gesägt werden.

Davor war The Rolling Home der Lieferwagen einer Baufirma gewesen, dann ein Transporter für Motorräder. Als das Paar ihn kaufte, war der Laderaum „eine leere Leinwand“, wie Calum es formuliert. Bei der Jungfernfahrt nach Cornwall schliefen sie noch auf Matratzen, dann begannen sie mit dem Ausbau. Stundenlang saßen sie hinten im Bulli, markierten mit Klebeband mögliche Raumaufteilungen, platzierten die Küche und eine L-förmige Liegelandschaft. Als Calum 2013 im Internet ein preiswertes Hochdach erstanden hatte, lag das Bauteil erst mal für einen Monat in der Garage.

So lange dauerte es, bis er den Mut gefasst hatte, die Flex anzusetzen – und dem geliebten Bus ein Loch ins Dach zu schneiden. Es tat nur ein bisschen weh. Jetzt kann man im Rolling Home auch aufrecht stehen.

„Wir können uns beide keine perfektere Version von Freiheit vorstellen“, sagt Lauren. „Einfach die Surfbretter einpacken, rein in den Bus, mit der Fähre rüber nach Frankreich. Es ist so einfach und kostet nicht viel.“ Im Sommer gingen sie auf Europa-Rundreise, meistens der Nase nach. Landeten früher oder später an wundervollen Stränden, auf gemütlichen Campingplätzen. Und trafen dort jedes Mal auf andere, ähnlich begeisterte Bulli-Fans. „Das alte Hippie-Klischee zieht nicht mehr“, sagt Calum. „Die Leute, die wir kennengelernt haben, kommen aus allen Gesellschaftsschichten. Am Ende sitzt man gemeinsam am Barbecue, die Haare noch nass vom Surfen, bis die Sonne untergeht. Und jeder hat sein eigenes mobiles Hotelzimmer dabei. Besser geht’s nicht.“

»Der Bus hat alle unsere Geschichten und Abenteuer in sich aufgesogen.«

Calum Creasey

The Rolling Home bietet maximale Mobilität und Gemütlichkeit. Die begeisterten Surfer Lauren und Calum werfen einfach die Bretter in den Bus – los geht die Reise.

Rund 120.000 Meilen sind sie mit The Rolling Home in sechs Jahren gefahren, einmal vier Monate am Stück durch ganz Westeuropa. Natürlich saßen sie zwischendurch auch mal ein paar Tage an sonderbaren Orten fest, mit kleinen oder größeren Pannen, in Norwegen ging ihnen einmal das Geld aus. Aber weiter ging es am Ende immer. Erst kürzlich wurde The Rolling Home gründlich entrostet und neu gestrichen – einen neuen Motor bekam der tapfere Bus schon vor ein paar Jahren. Zumindest das steht fest: Er wird noch lange, lange on the road sein. „Manchmal fühlt sich das lustig an“, sagt Calum Creasey zum Schluss. „Natürlich ist unser Bus kein Lebewesen, aber er hat all unsere Geschichten und Abenteuer in sich aufgesogen – und erzählt sie uns immer wieder.“ Die schönsten hebt er sich hoffentlich für die nächste Regennacht auf, auf einem Campingplatz irgendwo in Griechenland oder Frankreich oder Portugal. Wenn es im Rolling Home ganz besonders gemütlich wird, wenn man erst die Hintertüren zugemacht hat.

Laurens und Calums größter Traum? Ein kleines Grundstück in Nordschweden, eine Hütte, eine gute Internetverbindung. Und ein Parkplatz für den Bulli.

The Rolling Home on Instagram (@therollinghome):

Mehr Bulli-Stoff.

Ein gedrucktes Magazin für die Bulli- und Reise-Community – die Idee hatten Lauren und Calum im Frühjahr 2016. Nun ist die erste Ausgabe von The Rolling Home Journal fertig: 136 Seiten mit Fotostorys, Texten und Illustrationen von Freunden aus aller Welt. Erhältlich sind das Journal sowie das Buch der zwei Bulli-Fans im Shop auf der Homepage. Auch auf Instagram nennen die zwei sich The Rolling Home – 138.000 Abonnenten gab es hier bis Ende 2016.