Volkswagen Magazin

Innovation

Geliebte Maschine.

Wie kommunizieren Mensch und Auto? Mit der e-Bus-Studie BUDD-e hat Volkswagen diese Frage völlig neu beantwortet. Wie es dazu kam, erzählt uns eine der zentralen Personen aus dem BUDD-e Team: HMI-Entwicklerin Dr. Astrid Kassner.

Text Joachim Hentschel
Fotos Theodor Barth

Was eine Mensch-Maschine-Schnittstelle ist, lässt sich immer noch am einfachsten erklären, indem man „Knight Rider“ vorführt. In der berühmten 80er-Jahre-Fernsehserie unterhält sich die Hauptfigur – gespielt von David Hasselhoff – mit seinem Auto KITT wie mit einem guten Kumpel. KITT plaudert zurück, reagiert menschlich virtuos auf alle Nöte des Besitzers, findet im Selbstfahrmodus jedes Ziel. Und hat zu allem Überfluss einen Geldautomaten an Bord, der Dollarscheine ausspuckt.

Was sagt der Reality Check? Rund 30 Jahre später ist eine Menge der alten Special Effects längst serienreif. Sprachsteuerung und diverse Assistenzsysteme gehören zu den Standards neuer Auto-Generationen.

Autonomes Fahren kann man im Testlauf auf kalifornischen Straßen erleben. Noch besser: Manche Extras von 2016 übersteigen alles, was man in den Achtzigern zusammenfantasiert hatte. Der Volkswagen BUDD-e zum Beispiel, die zuletzt auf der Technologiemesse CES in Las Vegas präsentierte e-Studie, erlaubt unter anderem von unterwegs den Zugriff auf fast alle Funktionen eines Smart-Home-Netzwerks. Vom Auto aus die heimische Heizung regeln oder nachschauen, ob genug Limonade im Kühlschrank ist – das konnte nicht mal KITT.

Infotainment: Auf drei zentralen Monitoren sieht der Fahrer alles Wichtige – auch die Bilder der digitalen e-Mirror-Außenspiegel.

Ein Blick in die Sitzbox-Simulation: Die Bedienung erklärt sich fast von selbst. Der BUDD-e lässt dem Fahrer sogar die Wahl, ob er Befehle über den Touchscreen, die Sprach- oder die Gestensteuerung eingeben möchte – eine individualisierte HMI.

Dafür steht HMI: Human-Machine Interface. Einer der aufregendsten Aspekte der gerade stattfindenden Zeitenwende hin zur e-Mobilität, zum elektrischen, vernetzten Fahren. Dass unsere Autos immer mehr Features bekommen, dass sie plötzlich sogar zu Knotenpunkten in unserem privaten Kommunikationsnetzwerk werden – davon profitieren wir als Nutzer. Bleibt die Frage: Verlieren wir dabei nicht irgendwann den Überblick? Wie bedienen wir ein so komplexes Fahrzeug – ohne dabei vom Straßenverkehr abgelenkt zu werden?

Das ist, stark verkürzt, der Job von Astrid Kassners Team: sicherzustellen, dass wir mit dem Auto der Zukunft so mühelos und intuitiv klarkommen wie mit einem wirklich guten Smartphone.

Wie verhält sich der Mensch im Dialog mit der Maschine?


Kassner ist promovierte Psychologin. Dass man mit diesem Profil in der Automobilentwicklung landet, klingt im ersten Moment überraschend – bei genauer Betrachtung jedoch zwingend logisch. „Es geht bei HMI um die Prinzipien der Interaktion zwischen Mensch und Technik“, sagt Kassner. „Da wird der Psychologe gebraucht, um die Seite des Menschen zu vertreten: Was kann er gut? Wo braucht er Unterstützung? Was lenkt ihn ab? Ganz wichtig: Was macht ihm Spaß?“

Astrid Kassner in der „Sitzbox“: So stellen die Entwickler das Interieur des BUDD-e nach.

Displays sind keine fixierten Fenster mehr – alles bewegt sich.

Nachdem die HMI-Spezialistin ab 2012 in der Konzernforschung von Volkswagen mitgewirkt hatte, wechselte sie im Frühjahr 2015 in die Entwicklungsabteilung, Bereich Elektronik – und startete dort gleich mit dem Großprojekt BUDD-e. Die Challenge fürs rund 40-köpfige Team in der Entwicklung: Bis zur CES-Messe Anfang 2016 sollte ein Konzeptauto kreiert werden, das technologisch und emotional die automobile Zukunftsvision von Volkswagen verkörpert. Eine Art Bulli 4.0, der nicht nur reichweitenstark vollelektrisch fahren kann, sondern auch das höchstmögliche Level an Vernetzung und digitalem Bordkomfort bietet.

Einer der Hauptunterschiede zum alten Auto-HMI: Während früher das sogenannte Kombi-Instrument (also Anzeigefenster wie Tacho, Tankanzeige und so weiter), die Lenkradhebel und das Infotainmentsystem strikt fixierte, voneinander getrennte Welten waren, wurden sie auf den drei digitalen Fahrer-Displays des BUDD-e zusammengeführt. Ähnlichkeiten zum innovativen Bedienfeld der Studie Golf R Touch sind kein Zufall – allerdings ist der Ansatz beim BUDD-e noch ganzheitlicher: Was in einem bestimmten Fahrtmoment Priorität hat (sei es Navi, Ladezustand der Batterie, Telefonanzeige oder Radio), soll ins zentrale Blickfeld gerückt werden – und danach wieder hinaus. Zusatzpunkt: Auch für die Passagiere auf den hinteren Plätzen gibt es Interaktionsmöglichkeiten

Das Elektronikkonzept für den BUDD-e wurde von einem speziellen Team entworfen – interdisziplinäre Zusammenarbeit ist bei e-Mobilität der Schlüssel zum Erfolg.

„Wir haben während der Konzeption immer wieder Testpersonen in unseren Simulator gesetzt“, erzählt Astrid Kassner, „und ihnen Aufgaben gestellt. Zum Beispiel: Stellen Sie mal Radiosender XY ein!“ Neun Experten saßen in Kassners HMI-Kerngruppe – in ständigem Dialog und Realitätsabgleich mit den Designern, Hardware- und Software-Ingenieuren. Im Dezember 2015 zog das Team BUDD-e dann nach Las Vegas um. Pünktlich zum Präsentationstag auf der CES wurde alles fertig.

Einzelne Komponenten der sensationellen HMI des BUDD-e könnten frühestens 2019 in serienreifen Autos verbaut werden. Bis dahin wird das Team die Ideen schon wieder weitergetrieben haben: Der potenzielle Funktionsumfang, die Infodichte im idealen e-Fahrzeug wird weiter zunehmen. Dank neuer Display-Technologie verschmelzen Einzelscreens bald zu immer größeren Flächen – während manche Informationen bald ganz von den klassischen Bildschirmen verschwinden und via Augmented-Reality-Optik direkt auf die Umgebung projiziert werden.

„Eines muss man bei allen Zukunftsvisionen bedenken“, sagt HMI-Expertin Astrid Kassner. „Die Technik darf den Fahrer niemals einschüchtern. Sie sollte nicht nur leicht zu bedienen sein – sondern auch Spaß machen.“ Die Beziehung zwischen Auto und Fahrer wird wohl enger werden, als wir es uns heute vorstellen. Aber dass Menschen ihre Telefone mit ins Bett nehmen – das hätte 1985 ja auch keiner geglaubt. 

Besonders wichtig: Die Technik darf den Fahrer niemals einschüchtern.