Volkswagen Magazin

7:00 Uhr

Wie lange er geschlafen hat, letzte Nacht? Marc El Achkar blinzelt in die frühen, blassen Sonnenstrahlen, die durch die Fensterfront fallen. „Eine Stunde“, sagt er, etwas matt, aber ohne Gähnen. „Gegen vier. Die anderen haben weiterprogrammiert. Wir haben durchgewechselt.“
Man sieht noch ein paar müde Kämpfer, die sich auf Schlafkissen zusammengerollt haben – hier, im Pavillon-Anbau der Halle 11, Messegelände Hannover. Vor den Fenstern erwacht der Tagesbetrieb der CeBIT, der weltgrößten Messe für Informationstechnik. Nur im Pavillon hat es keine echte Nachtruhe gegeben. Auf einem Hackathon wird nur geschlafen, wenn es gar nicht anders geht.

»Die Herausforderung ist, 30 Stunden konzentriert durchzupowern

Marc El Achkar, Student,
Beirut (Libanon)

Marc El Achkar, 20, Informatikstudent aus Beirut, ist einer von rund 100 Teilnehmern aus 16 Ländern, die an diesem Mittwoch beim InnoJam++ dabei sind, dem Programmierwettbewerb, den Volkswagen und der Softwarehersteller SAP hier gemeinsam ausrichten. „Am Anfang denkt man immer: Die Aufgabe ist nicht zu schaffen“, sagt er, die sechste Tasse Kaffee in der Hand. „Aber wir kriegen das hin. Es ist nicht wirklich schwierig, nur – intensiv!“ Kurz nach sieben, sagt die Uhr. Noch knapp elf Stunden Zeit. Elf Stunden konzentrierte Coding-Arbeit.
Ein Missverständnis muss man gleich ausräumen: Mit Hackern, die am Laptop in fremde Datennetze einbrechen, hat ein Hackathon nichts zu tun. Der Begriff steht für Events wie dieses, auf denen sich Programmierer versammeln, um ganz legale Aufgaben zu lösen. Sie entwickeln Ideen für nützliche Software, realisieren sie vor Ort, in spontan gebildeten Gruppen, unter Zeitdruck. Wettbewerbe, die nur strategisch elegante Code-Köpfe und Teamplayer gewinnen können. Also genau der digitale Nachwuchs, der in den Innovativ-Labs der Konzerne gesucht wird.

Im Datenrausch: Team zwei um Chef-Programmierer Marcel Engelmann (M.) knackt die nächste Code-Nuss.

Der Innojam++ 2016

Schon 2015 organisierte Volkswagen einen Programmierwettbewerb: Beim CodeFEST traten an acht Universitäten in Deutschland, Österreich und der Schweiz Studenten gegeneinander an – eine Vorentscheidungsrunde für das spätere Finale bei der CeBIT. 2016 haben Volkswagen und SAP sich für den InnoJam++ zusammengetan. Aus den 16 Teams und ihren Ideen kürte die Jury am Ende einen Haupt- und einen Sonderpreisträger.

„Die Motivation und Begeisterung der Teilnehmer waren geradezu ansteckend“, kommentiert Frank Loydl, Leiter IT-Steuerung Konzern und Delivery Management bei Volkswagen, das Hackathon-Event in Hannover. „Alle Teams haben in knapp bemessener Zeit hervorragende Ergebnisse erzielt. Das zeigt, auf welch hohem Niveau die Teilnehmer Ideen entwickelt und programmiert haben.“

Das Besondere am InnoJam++: Die Challenges, die unter den 16 fünf- bis sechsköpfigen Teams verteilt werden, haben alle mit Mobilität zu tun, mit vernetzten Verkehrskonzepten oder Verbesserungen für die Fahrzeugindustrie. Zwei Gruppen sollen zum Beispiel eine Software entwickeln, mit der die Instandhaltung von Robotern in der Autoproduktion optimiert werden kann. Am Tisch nebenan wird an einer App für Fahrschüler gepuzzelt, die per Datenauswertung typische Fahrfehler analysiert. Drei Hackathon-Teams – zusammengestellt aus deutschen, schwedischen, mexikanischen, pakistanischen Bewerbern – arbeiten an einer Anwendung, die Pendlern in Echtzeit den schnellsten Weg zur Arbeit zeigt. Am nächsten Tag werden alle auf der CeBIT präsentieren, was sie in 30 Stunden geschafft haben. Dann entscheidet eine Jury aus Vertretern von Volkswagen und SAP, wer den Hauptpreis gewinnt: eine Reise zum Münchener Digitalkongress „Bits & Pretzels“ im September.

„Disziplin ist jetzt das Wichtigste“, sagt Marc El Achkar. „Wir müssen durchhalten!“ Auf einer Leinwand am Kopf der Halle ist eine Uhr eingeblendet, sie läuft rückwärts. Zehn Stunden, 40 Minuten bleiben. Und im einen oder anderen Skript klemmt es noch gewaltig.

Beim Hackathon wurde auf einer Plattform programmiert, die sonst nur hausintern bei SAP genutzt wird – eine weitere Herausforderung.

14:00 Uhr

Vier Stunden noch, und es ist fast völlig still in der Halle. Konzentrierte Spannung liegt in der Luft, man hört nur Tippgeräusche, ein paar gedämpfte Unterhaltungen. Der Boden ist längst mit Post-its, Filzstiften, Flipchart-Zetteln und leeren Wasserflaschen übersät, die von den Tischen gefallen sind. Die Kapuzenpullis, die die Organisatoren an alle Kandidaten verteilt haben, leuchten in Limettengrün – wie der Pflanzenteppich in einem virtuell-digitalen Treibhaus, in dem die Visionen der mobilen Zukunft wachsen.

Eben wurde das Mittagessen abgeräumt, zum Dessert war die koffeinhaltige Espressocreme beliebter als die Panna cotta. CeBIT-Besucher schauen neugierig durch die Fensterfront, rein dürfen sie nicht: geschlossene Gesellschaft. Eindringlinge würden jetzt nur stören. Die kreative Hitze darf nicht entweichen.

Manche Programmierprobleme müssen still gelöst werden– wie das von Khadija Arooj aus Frankreich.

„Heute früh hing ich fast fünf Stunden lang an einem Problem fest“, erzählt Eliza Koshtoyan, 26, Coderin in Team fünf, aus Armenien. „Es ging um einen Haufen komplizierter Datenstrukturen, die ich in unsere Benutzeroberfläche integrieren musste. Irgendwie hab ich es geschafft.“

Ein ungeahnter Vorteil, den Laptops gegenüber Workstations haben: Man kann schön auf ihnen schlafen.

Der Frauenanteil beim InnoJam++ liegt bei einem Drittel, für IT-Verhältnisse ist das viel. „Ich hatte schon Jobs, bei denen ich als einzige Frau mit zwölf Männern in einem Raum saß“, sagt Koshtoyan. Derzeit ist sie Praktikantin bei SAP in Dresden, will dort ihre Masterarbeit in Medieninformatik schreiben. Mit Mobilität und Fahrzeugen hatte sie vor dem Hackathon noch nie zu tun, ein Versäumnis: „Ich hatte nicht geahnt, wie interessant bei Autos der digitale Aspekt ist.“

Das ist der willkommene Nebeneffekt eines solchen Wettbewerbs: Junge, talentierte Programmierer kommen vielleicht zum ersten Mal in Berührung mit dem Thema Mobilität – und merken, welches Potenzial für sie darin liegt. „Viele Coder denken, in einer Konzern-IT könnten sie höchstens Projektleiter werden“, sagt Lars Gehrke von Volkswagen. „Dabei gibt es bei uns so viele Möglichkeiten, als Entwickler kreative Projekte voranzutreiben und neue Services mitzugestalten.“ Gehrke ist derzeit Doktorand im Smart.Production:Lab in Wolfsburg, einer der Zukunftsabteilungen von Volkswagen. Beim InnoJam++ unterstützt er als Mentor die Teams mit seinem Know-how. „Ich habe hier einige großartige junge Programmierer kennengelernt“, sagt Gehrke. „Veranstaltungen wie diese helfen, den Nachwuchstalenten zu vermitteln, dass Volkswagen ein innovativer und digital vorausdenkender Konzern ist, der in diesem Bereich hervorragende Zukunftschancen bietet.“

»Ich hatte nicht geahnt, wie interessant bei Autos der digitale Aspekt ist

Eliza Koshtoyan, Studentin aus Gjumri (Armenien), Praktikantin bei SAP in Dresden

An den Tischen beugen sich Mädchen und Jungs über Tablet-Computer mit Straßenkarten, debattieren leise über Visualisierungen und Startbildschirme. Hinten in der Halle geben einige Gummibäume Sichtschutz – dahinter haben sich ein paar tapfere Coder doch noch einmal kurz hingelegt. Ein Schläfchen vor dem Endspurt. Noch drei Stunden und 20 Minuten.

17:45 Uhr

Und plötzlich wird es doch noch laut. Die letzte Viertelstunde hat begonnen, über die Hallenanlage wird Techno-Musik eingespielt – vermutlich soll der Beat die letzten Adrenalinreserven herauskitzeln. Einige Teams haben sich komplett um einen einzigen Laptop geschart. Stress-Gummibären werden gemampft, einer tippt, die anderen reden: „It’s not working!“ Man fühlt sich an dramatische Schlussszenen aus Actionfilmen erinnert, in denen ein Computer-Nerd versuchen muss, gegen die Uhr die Zerstörung der Erde zu verhindern. Ganz hinten, beim Tisch der letzten Gruppe, steht ein junger Coder einfach so da. Und tanzt.

Auch im digitalen Ideenlabor des Hackathon wird analog gearbeitet, mit Block, Flipchart, Post-its. Etwas Zeit bleibt für künstlerische Exkurse.

INNOVATIVE LABS

Neue, digitale Arbeitsfelder spielen bei Volkswagen längst eine große Rolle: 2014 eröffnete in München das Data:Lab, ein Zentrum zur Entwicklung von Big-Data-Anwendungen und Connected-Car-Ideen. Der Erfolg des Projekts zieht nun größere Kreise: In Berlin hat das Volkswagen Digital:Lab die Arbeit aufgenommen, zusammen mit dem Software-Entwickler Pivotal. Weitere Labs in Peking und San Francisco sind in Planung – ein frisches Update für die Konzernkultur.

Coder für die Zukunft: Viele arbeiten hier zum ersten Mal im Automobilkontext – und finden es großartig.

Der Countdown: drei, zwei, eins, aus! Die Apps müssen so bleiben, wie sie jetzt sind. Ob das gut genug ist, muss am nächsten Tag die Jury entscheiden.
Marcel Engelmann – 20, aus Karlsruhe, Chef-Coder von Gruppe zwei, die die Instandhaltungs-App schreiben musste – hat schon mit der Entspannung begonnen, lümmelt glücklich auf einem der Schlafkissen. Und, wie lief’s? „Es war knapp“, sagt Engelmann, „Wir wollten zum Schluss noch eine Indoor-Navigation implementieren, das hat aber nicht vollständig geklappt.

»Das Tolle an Hackathons: Man kann sich international vernetzen

Marcel Engelmann, Student, Karlsruhe

Trotzdem bin ich sehr zufrieden mit unserer Leistung.“ Engelmann hat Erfahrung mit solchen Situationen: 2015 nahm er am Vorgänger-Hackathon von Volkswagen teil, dem CodeFEST – und gewann mit seinem Team den ersten Preis. Daran, dass er sein Talent auch in Zukunft in den Dienst von Mobilität und Fahrzeugbau stellen will, gibt es für ihn keinen Zweifel. „Das steht schon fest, seit ich als Kind mein erstes Autorennen gesehen habe“, sagt Engelmann. Und legt, nach 30 Stunden Arbeit, den Lockenkopf endlich aufs Polster. Verdient.

Am folgenden Tag auf der CeBIT wird die Gruppe mit der Fahrschüler-Software den ersten Preis gewinnen. Für die Pendler-App verleiht Volkswagen dem Team von Marc El Achkar einen Sonderpreis. Ein Ansporn, doch die eigentliche Arbeit geht weiter. Denn die Geschichten der Zukunft werden auch in Programmiersprachen wie XML und JavaScript geschrieben – und die Talente vom InnoJam++, die können das heute schon.