Volkswagen Magazin

Ein Tipp für Schweden im Winter? „Warm anziehen!“, rät Autor Sven Schulte-Rummel.

„Schneewand! Schneewand!!!“ Mein für Angst zuständiges Gehirnareal faucht durch mein Bewusstsein: „Weg! Weg! Weg da!“ Mein Verstand fordert von mir eine Reaktion: „Links? Links? Doch rechts?!“ Und Ronny auf dem Beifahrersitz schreit: „Links einschlagen. Und tief! Tief schauen! Jetzt gerade. Gas! Dritter Gang.“
Das Heck meines Golf R rasiert die Schneewand. Die Reifen drehen durch. Meine Hände umklammern das Lenkrad so fest, dass meine Knöchel weiß wie Lapplandschnee werden und Unmengen Energie ungenutzt durch meinen überfesten Griff entweichen. Überfest, weil auch in dieser extremen Fahrsituation das Lenkrad so leicht geht, dass ich meinen mit einer riesigen „13“ beklebten Golf R mit zwei Fingern lenken könnte – schließlich ist der Untergrund spiegelglatt. Doch mit aller Kraft versuche ich, hier auf dem zugefrorenen See in Nordschweden eine Runde in Bestzeit zu fahren.

Zum Glück hatte ich mir vorgenommen, nur auf eine der vielen Stimmen in meinem Kopf zu hören: auf die meines Fahrtrainers Ronny. Ronny Wechselberger steht immerhin mit zwei Einträgen für seine Autofahrkunst im „Guinnessbuch der Rekorde“ – und es ist doch besser, auf so jemanden zu hören als auf meine inneren Stimmen.
Schnell schalte ich, trete das Gaspedal runter, die Reifen mit ihren 1,5-mm-Spikes kämpfen um Halt und finden Grip auf der Eisfläche, und ich befreie uns aus dieser Lage. Der Wagen röhrt jetzt so laut und tief, dass Elche und Rentiere im tiefsten Winter Brunftzeit wittern. Meine Mundwinkel haben in genau diesem Moment einen 30-Grad-Driftwinkel nach oben. Für knapp fünf Sekunden.

Abenteuer auf Eis und Schnee

Sweden Ice Adventure Direkt am Polarkreis bietet die Volkswagen Driving Experience auch in der Saison 2014/15 das Erlebnis „Sweden Ice Adventure“ mit dem Golf R an.  

Kombitraining Onroad-Offroad
In Saalfelden (Österreich) geht es mit dem neuen Touareg durch winterliches Gelände. Auf präparierten Schneepisten erlernen Sie das richtige Reagieren in Extremsituationen.

Intensivtraining und Profi-Sicherheitstraining
Auf einer 1,5 Kilometer langen Schnee- und Eisstrecke in der Nähe von Salzburg (Österreich) lernen Teilnehmer, sicherer zu fahren und Gefahrensituationen mit Volkswagens Allradantrieb „4MOTION“ zu meistern.

Fünf Sekunden würde es dauern, bis mir bei minus 52,6 Grad Außentemperatur mal so richtig, richtig kalt wäre. Das ist der Kälterekord in Arvidsjaur im Norden von Schweden, wo Volkswagen das ‚Sweden Ice Adventure‘ von Januar bis Ende März veranstaltet. Optimisten würden an dieser Stelle argumentieren, dass sibirische Schulkinder erst bei minus 54 Grad Kältefrei bekommen, was kein Scherz ist. Oder sagen, ich solle einfach darüber lachen – denn bewiesenermaßen können lachende Menschen 20 Minuten länger ihre Hand in Eiswasser halten als solche, die das nicht so amüsant finden. Ich würde dem entgegenhalten, dass es zum einen zu mühselig ist, in das 50 Zentimeter dicke Eis unter mir ein Loch zu hacken, um das mit der Hand auszuprobieren. Und ich zum anderen nicht wie ein sibirisches Schulkind akklimatisiert bin, da ich aus dem warmen Norddeutschland gerade erst mit dem Flieger gelandet sei. Zum Beweis würde ich mein Ticket des Fluges zücken, der mich und 13 weitere Teilnehmer der „Sweden Ice Adventure“ nach Lappland brachte. Zu einer Veranstaltung, an deren Ende fast alle Fahrer sagen werden, dass eine solche Erfahrung dringend in das Buch „100 Dinge, die jeder Mensch trotz Kälte gemacht haben sollte“ gehört – und zwar unter die Top 10. Doch warum?

„Drift ist das Spiel mit dem instabilen Fahrzustand“, sagt der zweite Fahrtrainer in Arvidsjaur, Matthias Kahle. Auch er ist einer der Menschen, auf die man hier – nur ein paar Kilometer südlich des Polarkreises – besser mal hört. Kahle ist eine Art „König der Instabilität“ beim Autofahren, siebenfacher deutscher Rallye-Meister. „Doch auch beim Querfahren gilt der Grundsatz: Schnell ist schnell zu schnell. Vor allem dann, wenn einem erst das Talent und dann die Straße ausgeht“, ergänzt Martin Escher, Cheftrainer der Driving Experience. Letzteres ist auf den zwei Kreisbahnen mit 100 Meter Durchmesser, den drei Handlingkursen mit zusammen sechs Kilometern Länge und der 600 mal 80 Meter großen Dynamikfläche nicht weiter schlimm, ausgehendes Talent hingegen schmerzt und kratzt am Stolz. Denn die Demütigung beim Abflug von den schneebefreiten Straßen auf dem See ist dreistufig:

Abgeschleppt: Besonders an den ersten drei Trainingstagen muss das Safety Car ran.

» Wir müssen die Natur überlisten und unsere Angst über­winden. «

Ronny Wechselberger

Du bist raus! Für jeden Abflug von der Eispiste gibt es einen orangefarbenen Aufkleber und ...
... die rosafarbene Spielzeugente „Blind Duck“, die wie ein Wanderpokal funktioniert.
Besser gut zuhören! Fahrtrainer Ronny Wechselberger gibt Tipps für die Fahrt auf Glatteis.

Zuerst funke ich per Walkie-Talkie einen Hilferuf – das Lachen der Mitstreiter in den anderen Golf R ist zu sehen. Als Zweites kommt Raphael Lorenz, der mit seinem speziell auf „Driving Experience“-Erfordernisse maßgeschneiderten Touareg in Sekunden „mal wieder Nummer 13“ befreit – dafür aber auch einen „Du bist rausgeflogen“-Aufkleber auf die Scheibe klebt. Und drittens überreicht Ronny mir den Wanderpokal der Abgeflogenen: eine Plastikente mit verbundenen Augen.
Die Füße von Enten sind kalt, damit die Tiere nicht auf dem Eis festfrieren. Bei uns Menschen war die Natur nicht so raffiniert, weswegen Addison aus Chicago und ich in einer Fahrpause über das richtige Schuhwerk diskutieren: „Kleine Spikes, wie sie die Reifen des Golf R haben, wären toll!“, erklärt der US-Amerikaner. „Wow, auch Männer können über Schuhe reden“, denke ich.

Spaß auf Eis kennt kein Alter: Max (li.) und Hanspeter am Rand der Eispiste.

Diskutabel wäre allerdings der Stil von Addisons mächtiger Falschgoldkette mit einer 15 Zentimeter großen 50 als Anhänger – aber die muss er heute tragen. Ein Geburtstagsgeschenk seines besten Freundes Joel, und Addisons 50ster vor ein paar Wochen war auch der Anlass für ihren „Cool trip to cool Sweden“. Klar, auch in den USA sei es kalt. „Aber wann frieren bei uns schon die großen Seen im Norden zu?“
Ich frage nach: „Und wenn ja: Traust du dich aufs Eis mit dem eigenen Auto?“ „Eher als an den Wagen meiner Frau heimlich und gegen ihren Wunsch eine Sportauspuffanlage zu montieren“, wobei Addison bei diesem Satz zu Jan blickt – ehe alle in der Gruppe lachen und Jan seine Geschichte zum dritten Mal erzählen muss. Das Tempo der Gespräche wird beim Elch-Rentier-Wrap im Volkswagen Tipi am Rand des Sees genauso schnell wie auf dem Eis. Nicht nur beim Thema Fahrzeugdynamik spürt man Gruppendynamik, und schließlich werden die internationalen Führerscheine gezückt und verglichen wie Quartettkarten.

„Schon oft verloren? Nein, nicht verlegt, verloren.“
Zurück aufs Eis des Arvidsjaur-Sees, das so dick ist, dass auch ein Jumbojet notlanden könnte. Schon der letzte Tag von insgesamt vieren. Euphorieberauscht ziehe ich in „Nummer 13“ Bahnen auf dem großen Rundkurs, von dem ich nicht sagen kann, ob er vier, sechs oder acht Kilometer lang ist. 8:31 Minuten brauche ich für eine Umrundung, und alle achteinhalb Minuten werden der Golf R und ich mehr zu einer Einheit. Die perfekte Sitzeinstellung und die ideale Innenraumtemperatur der Klimaanlage sind längst gefunden: Ein paar Grad weniger als die 27 °C, auf die sich der Mensch als sogenannter tropischer Säuger in den letzten Jahrtausenden eingestellt hat, um ohne Kleidung zu überleben.
Auch die Ying-und-Yang-Harmonie aus Gangwahl und Gaspedaldruck stimmt an Tag vier. Dank ihr kontrolliere ich die Kraftzufuhr an den 4MOTION-Antriebsstrang. Nur der Kaufvertrag für den Golf R ist noch nicht unterschrieben – die Tinte wäre bei minus sieben Grad so schnell auf dem Papier gefroren wie Lippen beim Küssen aufeinander.

» Eine coole Reise in den coolen Norden – und das mit sehr coolen Leuten. «

Addison B.

Stil auch im Schneegestöber: Addison reiste aus den USA zur Driving Experience.
Golf-R-Kolonne in der Weite Lapplands: Unterwegs zur Eispiste auf dem Arvidsjaur-See.

Die Unterlippe meines Spoilers küsst den Schnee am Streckenrand nur noch dann, wenn ich Ronny Wechselbergers Ratschläge im Flow der Spitzkehren verliere: „Auto folgt Hand und Hand folgt Auge“, ruft er jetzt durchs Walkie-Talkie. „Wir müssen die Natur überlisten und unsere Angst überwinden. Dazu muss man eine Lösung finden und unsere Lösung ist: zur Kurveninnenseite schauen, weit blicken, sich nicht ablenken lassen.“
Doch auch nur wenige Kilometer südlich des Polarkreises gibt es spektakuläre Ablenkung: Schneemobile! Und eins pflügt gerade mit über 100 Stundenkilometern durch den Schnee am Rand meiner Rennstrecke. Genau dort also, wo man nicht hinwill, dann aber hinschaut – und leider auch hinfährt.
Doch dort im Schnee, als der Unterboden aufliegt und alle vier Räder freidrehen, habe ich die wertvollste Erkenntnis, warum sich die Driving Experience so gut anfühlt. In Berlin achte ich auf Zweite-Reihe-Parker, Lieferwagen, rote Ampeln, Blitzanlagen und Touristen auf Segways – aber nicht auf das Wesentliche: die Symbiose aus Auto, Untergrund und mir als Fahrer. Hier im Schnee habe ich sie wiedergefunden.

Der Golf R in Zahlen

Motorisierung: 4-Zylinder-Ottomotor
2,0 l TSI (221 kW/300 PS)

Getriebe: 6-Gang-Doppelkupplungsgetriebe DSG / 6-Gang-Schaltgetriebe
Verbrauch (l/100 km): innerorts 9,4 - 8,8; außerorts 5,9; kombiniert 7,1 - 6,9
CO₂-Emission in g/km: 165 (kombiniert)
Beschleunigung (von 0 auf 100): 5,1 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit: 250 km/h
Leergewicht: 1.495 kg (2-türig)
Abmessung (in mm):
Länge: 4.276
Breite mit Spiegel: 2.027
Höhe: 1.436

Kofferraum (l): 343 - 1.233
Auswahl der serien­mäßigen Highlights: Sportfahrwerk, Karosserie 20 mm tiefergelegt, Bi-Xenon-Scheinwerfer, 17-Zoll-Performance Bremsanlage, Sportsitze, R-spezifischer Diffusor, zwei Doppelendrohre

Ein Stopp, der sich lohnt: Der Golf R parkt vorm Souvenirladen in Arvidsjaur.

» An Tag vier stimmt die Ying-und-Yang-Harmonie aus Gangwahl und Gaspedal-Druck. «

Sven Schulte-Rummel