Volkswagen Magazin

Gordan Matkovic und seine Kollegen verschaffen dem e-Golf Gehör. In diversen Tests ermitteln sie, wie der eigentlich lautlose Motor klingen soll.

Vor allem für sehbehinderte Menschen ist der bekannte Motorenklang eine wichtige Orientierung auf ihren Wegen durch die Stadt. Schon früh haben ihre Interessenverbände darum auf das Problem mit den leisen Elektrofahrzeugen hingewiesen. Die USA haben bereits darauf reagiert: Ab 2017 müssen sich E-Autos dort akustisch bemerkbar machen, und auch in der Europäischen Union dürfte es bald eine ähnliche Regelung geben. Volkswagen hatte das Problem ebenfalls erkannt und von sich aus begonnen, an einer Geräuschkulisse für E-Fahrzeuge zu arbeiten.

Aber wie soll er denn nun klingen, der Sound der Stille? Hier kommen Gordan Matkovic und seine Kollegen ins Spiel: Gemeinsam mit Vertretern aus der Entwicklung, dem Vertrieb und dem Vorstand von Volkswagen machten sie sich auf die Suche nach dem optimalen Sound für den e-Golf. Am Anfang war die Freiheit schier grenzenlos: Dank moderner Technik hätten sie dem Auto fast jeden erdenklichen Klang verpassen können – es hätte theoretisch nach Pferdekutsche, Hubschrauber oder Kreissäge klingen können.

Entsprechend hitzig wurde zu Beginn diskutiert. „Die Geschmäcker sind natürlich verschieden, und darum gab es zu Beginn auch ganz unterschiedliche Vorschläge“, erinnert sich Matkovic. „Manche wollten den klassischen Klang eines Verbrennungsmotors, andere waren für den Sound eines anfahrenden ICEs, und wieder andere wünschten sich etwas völlig Neues.“ Schnell war immerhin klar, dass sich der e-Golf weder durch eine Klingelton-Melodie noch durch das Piepen eines rückwärtsfahrenden Lkws bemerkbar machen sollte – das empfanden die Experten schlicht als Lärmbelästigung.

» Elektro­fahrzeuge sind so leise, dass Fußgänger sie oft nicht kommen hören. «

Gordan Matkovic, Volkswagen Akustik

Die Soundanlage im Motorraum soll im Cockpit möglichst dezent hörbar sein.

Nach diversen Tests einigte man sich auf einen akustischen Kompromiss: Der e-Golf sollte nach einem Mix aus Verbrennungsmotor und E-Maschine klingen. „Das Geräusch eines klassischen Motors ist allgemein bekannt und auch in einer lauten Umgebung noch gut wahrzunehmen“, erklärt Matkovic. „Und mit dem elektrischen Anteil heben wir uns ein Stück weit davon ab und machen klar, dass hier eine neue Technologie auf der Straße unterwegs ist.“ Gegen einen rein elektrischen Klang spreche vor allem der Gewöhnungseffekt: Das menschliche Gehirn erkennt das bekannte Motorengeräusch sofort, weil wir es von klein auf als Warnsignal im Straßenverkehr verinnerlicht haben. „Darum spricht auch nichts dagegen, den elektrischen Anteil am Fahrzeug-Sound in Zukunft schrittweise zu erhöhen – wenn wir uns an den neuen Klang der E-Mobilität gewöhnt haben.“ Nachdem die Grundsatzentscheidung gefallen war, gingen die Akustiker ins Studio und nahmen beide Klänge auf. Bei der E-Maschine filterten sie unangenehme Pfeif-Anteile heraus und fügten tiefe Frequenzen hinzu – das Ergebnis ist ein satter Sound mit einem gleichmäßigen Frequenzverlauf, der an einen startenden ICE erinnert. Für den Klang des Verbrennungsmotors stand ein Vierzylinder Pate, aus dessen Sound die Akustiker zum Beispiel die Geräusche des Generators und des Riementriebs eliminierten. „Natürlich hätten wir auch einen Sechzehnzylinder als Vorbild nehmen können“, so Matkovic. „Aber das hätte nicht zum Auto gepasst – der e-Golf soll ja nicht klingen wie ein Bugatti.“

Sie möchten wissen, wie der e-Golf klingt? Probieren Sie es doch einfach mal aus!

Dafür, dass er überhaupt nach etwas klingen kann, haben Volker Wehrmeyer und seine Kollegen von der Elektronik-Entwicklung gesorgt – denn sie haben die Soundanlage entwickelt, die den synthetischen Klang erst zum Leben erweckt.
Ihr neues Steuergerät ist so etwas wie eine miniaturisierte Stereoanlage: In dem kleinen Aluminiumgehäuse ist ein Verstärker mit zwei Mal 20 Watt Ausgangsleistung untergebracht, außerdem beherbergt es den Speicher für das Soundfile und einen Computer, der für das korrekte Abspielen verantwortlich ist. Später wird das Steuergerät im Radioschacht hinter dem Display sitzen. Auf den Lautsprecher sind die Entwickler besonders stolz. Sein Arbeitsplatz ist der vollgepackte Motorraum. „Wir mussten mit einem kompakten Gehäuse einen guten Klang erzeugen“, berichtet Wehrmeyer. „Außerdem muss der Lautsprecher sehr robust sein – schließlich ist er Feuchtigkeit und hohen Temperaturen ausgesetzt.“ Gemeinsam mit dem belgischen Hi-Fi-Spezialisten D+M konstruierten sie einen Lautsprecher mit einer wasserabweisenden Membran und einem Magneten, der auch Temperaturen von bis zu 120 Grad verkraftet. Das Gehäuse aus hitzebeständigem Kunststoff ist ebenfalls Maßarbeit: Es nutzt den knappen Raum hinter dem Kühlergrill am rechten Nebelscheinwerfer optimal aus und passt nicht nur in den e-Golf, sondern auch in andere Volkswagen Modelle.

Wie genau das Auto klingt, hängt vor allem von seiner Geschwindigkeit ab: Wenn es steht, ist nichts zu hören. Nach dem Losfahren steigt die Lautstärke des e-Sounds zuerst linear an und bleibt dann zwischen zehn und 30 Stundenkilometern konstant. Bei noch höheren Geschwindigkeiten nimmt sie wieder langsam ab, und jenseits von 50 Stundenkilometern bleibt der Lautsprecher ganz stumm – denn schon ab 40 Stundenkilometern übernehmen die Rollgeräusche der Reifen die Hauptrolle beim Sound. Neben der Lautstärke variiert die Elektronik auch die Abspielgeschwindigkeit: Je schneller der e-Golf unterwegs ist, desto weiter wandert die Tonhöhe nach oben. Und schließlich spielt auch das Gaspedal eine Rolle: Wenn der Fahrer einen ordentlichen Sprint hinlegt, macht sich das Auto besonders deutlich bemerkbar.

Um die Fahrgeräusche des e-Golf zu optimieren, testen die Experten ihn ausgiebig in einer Akustikhalle.

» Der e-Golf soll immer wie ein e-Golf und nicht wie ein Porsche klingen. «

Gordan Matkovic, Volkswagen Akustik