Volkswagen Magazin

Hockenheimring, 2. August, 18:53 Uhr. Autocross.

Angespannt sitzen die Team-Mitglieder der TU Delft auf der Tribüne. Einige checken nervös ihre Uhren, andere starren auf die wartenden Wagen an der Rennstrecke. Die Zeit wird knapp. Um Punkt 19 Uhr schließt die Strecke. Egal, wer seinen zweiten Durchlauf noch geschafft hat. Noch zwei Starter vor ihnen. Noch einer. Jetzt steht ihr Rennwagen, DUT14, auf Position und schießt los. Alle springen auf, fiebern bei jeder Schikane mit. Bloß keine Fehler machen! Der Fahrer gibt alles, nimmt die Kurven eng, beschleunigt auf der Geraden und schießt durchs Ziel. Bange Sekunden, dann riesige Freude: 76,01 Sekunden. Bestzeit. Das Team liegt sich jubelnd in den Armen. Nur Jet Tuitert presst ihr Walkie-Talkie ans Ohr. Während ihre Kollegen noch feiern, erkennt sie, was gerade geschieht: Buchstäblich in den letzten Sekunden fährt ihr schärfster Konkurrent, die ETH Zürich, ihnen den Rang ab.

Ein Moment der Freude für das Team aus Delft.

Autocross ist eine von acht Disziplinen der Formula Student Germany. Das Event besteht aus zwei parallel stattfindenden Wettbewerben: der Formula Student Combustion – mit Verbrennungsmotoren – und der Formula Student Electric (FSE) – mit Elektromotoren. Bei beiden bauen Studenten einen einsitzigen Formelrennwagen. In nur einem Jahr – oft neben dem Studium – tüfteln die Teams mit viel Herzblut an ihrem Traum vom Rennwagen. Wie viel Zeit es kostet, an die Spitze zu fahren, erklärt Delfts Team-Manager Tim de Morée: „Vollzeit-Mitglieder arbeiten bis zu 100 Stunden die Woche, Teilzeit mindestens 20. In der heißen Phase vorm Wettbewerb steigt deren Zeit auch auf 40 bis 60 Stunden die Woche.“ Bei der Formula Student siegt nicht allein der schnellste Wagen, sondern das beste Gesamtpaket aus Konstruktion, Performance, Finanzplanung und Verkaufsargumentation. Zum Wettbewerb gehören neben der Präsentation des Business- und Kostenplans auch dynamische Disziplinen wie ein Beschleunigungstest, eine Autocross-Fahrt sowie Tests der Ausdauer und Treibstoffeffizienz.

» Das ist die krasseste Woche meines Lebens. ­«

Frank Deblon, Gründer des „Bremergy Racing“-Teams (Universität Bremen)
Frank Deblon, Gründer und Leiter des „Bremergy Racing“-Teams.

Fairness und ausgelassene Stimmung zeichnen das Rennwochenende aus. Überall stehen Grüppchen von Familien, Freunden und Konkurrenten zusammen und tauschen sich aus. Bollerwagen mit selbst gemachtem Catering und Tupper-Dosen mit Muttis Paprika-Streifen dienen zur Stärkung, während die Nachwuchs­ingenieure konzentriert an ihren Autos schrauben und letzte Fehler beheben. Während der Prüfungen berichten die Rennstreckensprecher angeregt über die Teams und ihre Erfolge. Jeder Teilnehmer wird von den Fans gleichermaßen angefeuert, jede gute Runde mit donnerndem Applaus belohnt. Alle wissen schließlich, wie viel harte Arbeit in den selbst konstruierten Rennboliden steckt.

Die Disziplinen.

Engineering Design Vorstellung der technischen Lösung und Konzeption anhand des Design Reports.
Cost Analysis Vorstellung aller angefallenen Kosten anhand eines Cost Reports.
Business Presentation Mitglieder des Teams versuchen, die Juroren von ihrer Geschäftsidee zu überzeugen.
Skid Pad Fahren einer liegenden Acht. Die schnellste Zeit zählt.
Acceleration Beschleunigung des Autos aus dem Stand. Die schnellste Zeit zählt.
Autocross Ein Kilometer langer Handlingkurs. Die schnellste Zeit zählt.
Endurance Auf einem Handlingkurs wird ein Rennen über 22 Kilometer gegen die Uhr gefahren, Fahrerwechsel nach elf Kilometern. Die schnellste Zeit zählt.
Fuel Efficiency/Fuel Economy Messung des Spritverbrauchs während der Endurance.

Das Delft University Team ist eines der bestausgestatteten und startet als Favorit. In den letzten drei Jahren holte es den Gesamtsieg. Wie weit die Delfter schon mit ihrem Projekt gekommen sind, verrät ein Blick auf ihren Arbeitsbereich in der Boxengasse. Durchgestylt und hochprofessionell ausgerüstet, wirkt er fast wie ein Showroom der Großen. An zwei Seiten zeigen Fotowände die Geschichte des Teams und die Logos diverser Sponsoren. Im Zentrum thront das Herz der Operation, ihr Wagen „DUT14“, Startnummer E1. Das Gespräch mit Team-Manager und Fahrer Tim de Morée umweht in dieser Umgebung ein Hauch von echtem Rennzirkus. Dieser Eindruck wird zurechtgerückt, als kurz nach Start des Interviews ein Kollege ihm eine mit Schokolade belegte Reiswaffel in die Hand drückt. „Mittagessen“, grinst Tim. Er steht in seiner Doppelrolle im Team besonders im Fokus. Wie geht er mit der Situation um? Tim: „Es ist schwieriger, an der Spitze zu bleiben als jemand anderen zu jagen.“ Doch für die Titelverteidigung haben sie einiges aufgefahren: 86 Mitglieder umfasst das Team, davon zehn, die sich für ein Jahr von ihrem Studium freistellen haben lassen, um Vollzeit an dem Projekt zu arbeiten.

Die Konkurrenten aus Delft und Bremen voll konzentriert auf dem Weg zur Rennstrecke.

» Die Vollzeit-Mitarbeiter im Team arbeiten im Schnitt 100 Stunden pro Woche an dem Wagen. «

Tim de Morée, Manager und Fahrer des Formula Student Teams Delft

Schneller Snack zwischen den Rennen: Fahrer Tim de Morée in seiner Mittagspause.
Team-Mitglied Jet Tuitert kontrolliert den Heckspoiler des DUT14 vorm Autocross.
Als unschlagbar erwiesen sich die Reifen des Delfter Teams bei der Disziplin „Skid Pad“.

DUT14

DUT Racing Team
Delft University of Technology

Team-Gründung 2000 in der Combustion Class (mit Verbrennungsmotor). Seit dem Start der FSE 2011 fahren sie elektrisch.

Rahmenkonstruktion
Monocoque-Verbundrahmen mit integriertem Frontbügel aus Aluminium
Werkstoff
Aluminium-Sandwichplatten in Wabenbauweise
Länge / Breite / Höhe (mm)
2.856 / 1.383 / 1.054
Gewicht inkl. Fahrer (68 kg)
110 / 113 kg (Vorderachse / Hinterachse)
Anzahl der Motoren / Einbaulage
4 / Radnabenmotoren
Max. Leistung / Umdrehungen pro Minute
30 kW / 20.000
Motorsteuergerät
4x AMK KW26-S5
Batterie / Kapazität
LiCoO2 – Graphit / 6.3 kWh
Getriebe
Einstufiges Planetengetriebe im Rad

 

Mehr Infos unter:

» Dies ist mein erstes Jahr im Team. Es ist total aufregend, dabei zu sein. «

Jet Tuitert, Mitglied des Formula Student Teams Delft

Einige Meter weiter bietet sich ein etwas anderes Bild. Hier tummeln sich die Team-Mitglieder der Uni Bremen. Ihre Arbeitsstätte wirkt etwas improvisierter – wie eine richtige Schrauber-Werkstatt. „Bremergy Racing“ ist das erste Mal am Hockenheimring am Start. Für sie geht es nicht ums Gewinnen, sondern um die Möglichkeit, sich mit anderen auszutauschen und dazuzulernen. Team-Gründer und Leiter Frank Deblon: „Manche Teams haben komplette mobile Werkstätten dabei. Da können wir noch nicht mithalten. Aber wir haben uns viel Inspiration geholt. Uns wird viel geholfen. Das ist überhaupt das Beste an der Formula Student und der Grund, warum wir hier gestartet sind. Alle teilen ihr Wissen und ihre Erfahrungen.“
Volkswagen begleitet seit acht Jahren Studenten bei ihrer Teilnahme an der Formula Student. In diesem Jahr fördert das Unternehmen neben den Teams der TU Delft und der Universität Bremen auch die RWTH Aachen, die Universität Kassel, die Leibniz-Universität Hannover, die Technische Universität Braunschweig und die Hochschule Ostfalia in Wolfsburg. Damit ermöglicht es Volkswagen den Studenten unterschiedlicher Fachrichtungen, praktische Erfahrung im Automobilbau zu sammeln. Die Teams profitieren nicht nur finanziell, sondern besonders von der Erfahrung und dem Rat der Experten. Ein nicht zu unterschätzender Vorteil, weiß Frank Deblon: „Wir haben an der Uni sehr viel Wissen auf Ingenieursseite, aber keine Fahrzeugtechniker. Volkswagen vermittelte uns einen Paten, mit dem wir uns regelmäßig austauschen und einmal im Monat treffen. Der gibt uns Tipps und stellt Kontakte zu Fachleuten her. Mit derartigem Ingenieurswissen kann man viele Hürden nehmen. “

Letzter Check beim „Bremergy Racing“-Team. Danach geht es für sie um jede Sekunde.
Mit Liebe zum Detail: Ein Bremer Team-Mitglied schnitzte das Lenkrad von Hand.

» Die Unterstützung von Volkswagen war der letzte Kick, der uns gefehlt hat. «

Frank Deblon, Gründer des „Bremergy Racing“-Teams 

Ein bisschen Spaß muss sein. Neben Hochleistungen zählt die Stimmung in der Box.
Ein schneller Blick auf die Anzeige: Wie waren wir? Bleibt Zeit für eine zweite Runde?

BreMo14

„Bremergy Racing“-Team
Universität Bremen

Team-Gründung August 2011. Bei der Formula Student hatten sie ihr Debüt 2013 in Italien. 

Rahmenkonstruktion
Stahlgitterrohrrahmen
Werkstoff
E355 Stahlrohre in verschiedenen Dicke
Länge / Breite / Höhe (mm)
3.095 / 1.440 / 1.266
Gewicht inkl. Fahrer (68 kg)
164 / 183 (Vorderachse / Hinter­achse)
Anzahl der Motoren / Einbaulage
2 / hinten: 1 x links, 1 x rechts
Max. Leistung / Umdrehungen pro Minute
36 kW / 4.400
Motorsteuergerät
Kelly Type KDH12401E mit Rekuperation
Batterie / Kapazität
LiFePO4 / 6,6kWh
Getriebe
In Radträger integrierte Planetengetriebe

 

Mehr Infos unter:

» Wenn du ein wirklich schnelles Rennauto willst, solltest du ein elektrisches fahren. «

Tim de Morée, Manager und Fahrer des Formula Student Teams Delft 

Die Studenten können außerdem früh auf sich und ihr Talent aufmerksam machen. Durch Praktika oder Zusammenarbeit für Abschlussarbeiten eröffnen sich gute Karrierechancen im Unternehmen. Anfang dieses Jahres machte Frank ein dreimonatiges Praktikum in Wolfsburg: „Erst dort habe ich gemerkt, wie viel man hier mitnimmt. Wie Ingenieure arbeiten, das Zeitmanagement, Kosten beachten – gegenüber anderen Praktikanten waren für mich manche Sachen selbstverständlich, die sie noch nie gehört hatten. Die Arbeit im Team ist wie ein zweijähriges Dauerpraktikum, nur dass man keinen hat, der einem auf die Finger schaut. Das muss man schon selber machen.“

 

Auch das Team Delft schätzt die Zusammenarbeit mit Volkswagen sehr. Tim de Morée: „Wir hatten die Chance, nach Wolfsburg und Hannover zu reisen und uns die Standorte anzusehen. Jetzt wollen alle Team-Mitglieder bei Volkswagen arbeiten.“

 

 

Doch nicht nur die Studenten profitieren von der Zusammenarbeit, betont Mirco Stoffels, Volkswagen Personalmarketing und unter anderem Verantwortlicher für die Formula Student: „Es ist großartig, so engagierte Talente beim Arbeiten zu erleben. Das bietet uns die Möglichkeit, potenzielle Nachwuchskräfte in Aktion zu erleben.“ Während des Wettbewerbs ist Mirco Stoffels immer für die Teams ansprechbar und hilft bei kleinen und größeren Sorgen. Er ist mittlerweile richtiger Rennsportprofi. „Es macht sehr viel Spaß, nah dran zu sein und mitzubekommen, wie sehr die Teams sich engagieren und alles geben, um gut abzuschneiden.“


Dieses Jahr läuft es nicht optimal für die erfolgsverwöhnten Mitglieder des niederländischen Teams. Während sie beim Skid Pad mit Abstand die Konkurrenz hinter sich lassen, verlieren sie beim Autocross den ersten Platz an Zürich. Beim Endurance Test, der wichtigsten Renndisziplin, belegen sie schließlich den dritten Platz, sodass sie insgesamt hinter Zürich und Stuttgart Bronze mit nach Hause nehmen können. Somit reicht es zwar nicht für den Gesamtsieg, aber das trübt die Stimmung nur kurz. Außerdem gewinnt das Team mit seinem Auto den „Audi ultra Award“ für das beste Leichtbau-Konzept.


Leichtbau ist auch für die Bremer ein großes Thema 2015: Ihr Ziel ist es, nächstes Jahr 50 Kilogramm leichter ins Rennen zu gehen. Daher geht es für beide Teams nach einer kurzen Verschnaufpause zurück in die heimische Werkstatt. Nach dem Rennen ist vor dem Rennen.