Volkswagen Magazin

Weite. Nichts als große, unendliche Weite. Wenn ich an diese Reise denke, die nun schon vier Jahrzehnte zurückliegt, kommt mir als Erstes die Schönheit der Landschaften in den Sinn. Die Bergwelt der Rockys, der flimmernde Steppenboden von Nevada oder Chile, das Andenhochland in Peru und Bolivien, der Pazifik vor Feuerland. Selten in meinem Leben hat mich die Wucht der Natur derart berührt wie in diesen gut drei Monaten, die wir mit zwei Golf und einem Bulli (für Proviant und Ersatzteile) unterwegs waren.
Wir, das waren der Journalist Fritz B. Busch, die Volkswagen Mechaniker Bernd Ott und Alfonso Barcelo sowie die Ingenieure Peter Färber (Alaska–Mexiko) und Wolfgang Peschke (Mexiko–Feuerland). Sechs Männer also, von denen fünf ständig gemeinsam auf Achse waren. Zusammen reparierten wir Reifen in der Ödnis, suchten Nachtquartiere im Sumpf, verhandelten mit Grenzpolizisten und erholten uns von waghalsigen Ausweichmanövern. Nicht zuletzt lernten wir eine Vielzahl wunderbarer Menschen kennen, von denen ich mit manchen bis heute in Kontakt stehe. Eine Reise wie diese war damals ein echtes Abenteuer – die Straßen waren weitenteils unbeschildert und unbefestigt, verlässliche Karten kaum zu kriegen, Navis noch Zukunftsmusik. Unsere beiden Golf schafften es trotzdem unbeschadet bis Feuerland. Und ich als Fotograf war schlicht happy.
Viele meiner Reiseaufnahmen wurden in Büchern und Magazinen veröffentlicht. Einige sind hier erstmals zu sehen.

Frank Müller-May

kam am 20. Dezember 1939 in Berlin zur Welt. Seinem Vater zuliebe studierte er Maschinenbau an der Berliner TU, ehe er nach Hamburg zog und sich der Fotografie zuwandte. 1959 begann er als Laborant beim „stern“, wenige Jahre später wurde er jüngster „stern“-Fotograf. Seine Reportagen führten ihn in alle Kontinente, in Äthiopien traf er Kaiser Haile Selassie und initiierte die Aktion „Rettet die Hungernden!“ mit, die rund 20 Millionen Mark Spendengeld eintrug. 1983–89 leitete er die „stern“-Bildredaktion, später war er Korrespondent in London und Paris. Seit 2008 lebt er in Südfrankreich.

30.514 Kilometer von Fairbanks, Alaska, bis nach Ushuaia, der südlichsten Stadt der Welt: die Tour im Überblick.

Alaska.

Wir flogen von Hamburg aus über den Nordpol und trafen Anfang Oktober 1974 in Alaska ein. Die drei Autos warteten unversehrt in Containern auf uns. Und die erste Herausforderung: 2.500 Kilometer Alaska Highway in fünf Tagen, der Großteil davon auf Glatteis, oft nah am Abgrund, ohne Leitplanke, ohne Salz. Irgendwie haben wir es geschafft, dem Golf Frontantrieb sei Dank.

Kanada.

Als wir in Dawson Creek ankommen, dem Endpunkt des Alaska Highways, sind wir bereits mitten im zweitgrößten Land der Erde. Es folgen Stationen in Nordegg, Calgary und Lethbridge. Dazwischen liegen endlose Nadelwälder, gewagte Flussquerungen und weiße Gipfel. Als wir bei Coutts in die USA einreisen, sind wir froh, Schnee und Eis bald hinter uns lassen zu können.

USA.

Ich liebe Amerika, dieses verrückte Land, und seit dieser Reise liebe ich es noch mehr. In den USA durchqueren wir die grandiosen Nationalparks Yellowstone und Yosemite, fahren ganz nah an die Steilwände des Grand Canyon, rasen auf dem Bonneville-Salzsee in Utah mit dem Tacho um die Wette, treffen lupenreine Cowboys in Tuscon, Arizona und echte Klapperschlangen in New Mexico. Wie gesagt: Ich liebe Amerika, mit all seinen Schattenseiten.

Mexiko.

Nirgends auf der Tour haben wir so viele Volkswagen gesehen wie in Mexico City, wo fast jedes Taxi ein Käfer mit entferntem Beifahrersitz war – so schafft man Platz fürs Gepäck der Fahrgäste. Nirgends wurde unser Golf aber auch so neugierig beäugt – ob von Polizisten mit Sinn für Verwarnungsgelder, ob von einfachen Leuten oder Straßenmusikanten. Schön war’s allemal.

 

Zentralamerika.

Ab Guatemala wird es anstrengend. Sengende Hitze, krasse Klimaunterschiede zwischen Staubpiste und Dschungelwelt. Wir durchfahren El Salvador, Honduras, Nicaragua und Costa Rica so schnell wie möglich, nach oft strapaziösen Scharmützeln mit den Grenzbürokraten. In Panama stoppt uns schließlich der Urwaldsumpf. Nach Kolumbien kommen wir per Fährschiff.

 

Südamerika.

Nach wochenlangem Hickhack kriegen wir endlich ein Schiff, das uns sicher nach Kolumbien bringt. Die Pisten nach Ecuador sind in miserablem Zustand, im Land selber werden wir umso freundlicher empfangen. Die Grenzformalitäten dauern fünf Minuten. Großes Aufatmen. Der Rest der Strecke bis Peru ist oft rau, oft menschenleer, aber zumeist wunderschön.

 

Chile.

Nach all den üblen Pisten quer durch die Anden haben wir unsere fünf Tage Erholung in Santiago schwer nötig. Zwischendurch machen wir einen Abstecher zur Kupfermine von Chuquicamata, einem riesigen Tagebau mit den größten Lastwagen, die ich je sah. In Santiago feiern wir Silvester in einem erdbebensicheren Hotel. Zweimal während unserer Auszeit wackelt die Erde bedenklich.

 

Feuerland.

Die letzten Etappen werden zum Kampf gegen Steinschlag und Schlaglöcher: Auf den gnadenlosen Pisten in Argentinien reißt uns mal ein Auspufftopf, mal verrutscht der Zahnriemen, mal leckt der Tank. Doch die Golf meistern auch solche Missgeschicke nach kurzen Reparaturen auf offener Strecke. Bei hohem Seegang überqueren wir wohlbehalten die Magellanstraße, die Feuerland vom südamerikanischen Kontinent trennt. Nach 94 Tagen auf Achse ist es geschafft. Wir sind da.