Volkswagen Magazin

Gas geben, egal was kommt, bei jedem Wetter, auf jedem Straßenbelag – niemand kennt diese Grundtugend des Rallyesports besser als Klaus-Joachim Kleint, genannt „Jochi“. In den 70er- und 80er-Jahren zählte der heute 66-jährige Hamburger zu den Stars der Szene, zu den Höhepunkten seiner 27-jährigen Fahrerkarriere zählen der Rallye-Europameister-Titel 1979, ein dritter Platz bei der Rallye Monte Carlo sowie drei Starts beim „Pikes Peak“ in Colorado.

Das Auto. Magazin: Herr Kleint, mit 18 Jahren, wenige Wochen nach Ihrer Führerscheinprüfung, nahmen Sie 1966 erstmals an einer Rallye teil. Was hat Sie damals daran gereizt?


Kleint: Ich würde sagen: die Unvorhersehbarkeit. Das Du-musst-auf-alles-vorbereitet-Sein, in jedem Moment, hinter jeder Kurve. Aber diese Faszination war mir zu Beginn meiner Karriere gar nicht so bewusst. Ich wurde sozusagen in den Motorsport hineingeboren. Mein Vater liebte Motorräder, nach dem Krieg nahm er mehrmals am legendären Hamburger Stadtpark-Rennen teil. In Hamburg-Bahrenfeld hatte er eine Autowerkstatt, die mein acht Jahre älterer Bruder in den 60er-Jahren immer mehr zur Rallye-Autoschmiede ausbaute. Ernie liebte Rallyes. Er hat mir die Begeisterung dafür vorgelebt. Leider starb er viel zu früh – 1989 stürzte er mit einem Flugzeug ab.

Ihr Bruder und Sie unterhielten einige Jahre lang ein semiprofessionelles Rallye-Team. Zu den ersten Fahrern, die Sie entdeckten, gehörte ein gewisser Walter Röhrl.

 

Er war 21, als er zu uns stieß. Ein sehr talentierter Fahrer, das war uns sofort klar, er war uns bei der Rallye Bavaria durch gute Zeiten aufgefallen. Ein Jahr später heuerte er bei uns an, für 250 Mark Jahresgage. 1971 fuhr er mehrere Rennen und wurde für das Team Kleint Dritter bei der Deutschen Rallye-Meisterschaft. 1972 wechselte er ins Vollprofi-Fach. Ich mochte ihn von Beginn an, wir verstanden uns blendend. Dass er einmal zweifacher Rallye-Weltmeister werden würde, ahnte damals niemand.

Ihren ersten großen Sieg feierten Sie 1978 im Golf GTI I, mit dem Sie die – damals noch inoffizielle – Deutsche RallyCross-Meisterschaft gewannen. Im selben Jahr traten Sie erstmals bei der Rallye Monte Carlo an – in einem Diesel.  


Ein Golf I Saugdiesel, mit 50 PS und ohne GTD-Technik, bei Eis und Schnee am Col de Turini. Es war die erste Rallye mit einer eigenen Diesel-Wertung, komplettes Neuland für alle. Am Ende lagen wir auf Platz 13 und stahlen den Großen teilweise ganz schön die Show.

1978 Estering-Pokal Bei der – damals noch inoffiziellen – Deutschen Meisterschaft im RallyCross nahe Buxtehude gelingt Jochi Kleint der erste große Sieg für Volkswagen.


Volkswagen wird ab Mai 2014 gemeinsam mit Andretti Autosport an der Global RallyCross Championship (GRC) in den USA teilnehmen, wo die Sportart seit Jahren boomt. Was hat RallyCross, was Rallye nicht hat?


Den Duell-Charakter. Die Autos fahren zeitgleich im direkten Vergleich gegeneinander. Für die Zuschauer ist das reizvoll, weil sie stets sehen können, wer vorn liegt, es gibt Überholmanöver, und mitunter kommt es zu Karambolagen. Das Problem ist nur: Überholen kann sehr schwierig sein, wenn du nicht gerade ein technisch überlegenes Auto fährst. Zu meiner Zeit kam es vor allem darauf an, wer als Erster an der ersten Kurve ist.

Was unterscheidet Rallyes heute von denen der 70er-Jahre?


Technisch betrachtet: fast alles. Heute regieren Hightech, die Datenanalyse, das Briefing, die Gewichtsverlagerung durch ganze Stäbe von Ingenieuren. Als ich mit dem Rallye-Sport anfing, agierten wir in einem viel kleineren Maßstab. Man frickelte ein bisschen am Motor herum, das Fahrwerk war ein bisschen härter, aber ansonsten fuhr man mehr oder minder ein gepimptes Serienauto. Anders als heute konnten wir damals durchaus noch selbst Hand an unsere Autos legen, wenn es Not tat.

Haben Sie nie mit dem Gedanken gespielt, Formel-1-Fahrer zu werden?


Nicht wirklich. 1965, noch vor meinem ersten Rallye-Einsatz, haben mein Bruder und ich ein Formel-V-Rennauto in Eigenregie gebaut – in solchen Autos hat auch Niki Lauda einst seine Karriere begonnen. Ich mochte den Wagen, aber als ich im Folgejahr Rallye fuhr, fiel mir die Entscheidung leicht. Wissen Sie, Rallye und Rundstrecke haben wenig miteinander gemein. Auch ein Grund, weshalb Formel-1-Fahrer wie Räikkönen oder Kubica in der WRC Lehrgeld bezahlen: Sie riskieren einfach zu viel.

Ihr persönliches Karriere-Highlight?


Meine drei Teilnahmen beim „Pikes Peak“-Rennen in den Rocky Mountains, dem spektakulärsten Bergrennen der Welt. Auf knapp 20 Kilometern muss man 1.439 Höhenmeter bei im Schnitt sieben Prozent Steigung bewältigen. Das Ziel liegt 4.301 Meter über Normalnull – normale Ottomotoren verlieren in der dünnen Luft ein Drittel ihrer Leistung. Volkswagen hatte für meine Starts 1985 bis 1987 eigens einen „Twin Golf“ mit zwei Motoren entwickelt – vorne ein Turbolader, hinten noch mal einer. Die Idee: doppelte Power beim Anstieg – und bei Motorschaden fährt man einfach weiter, denn man konnte wahlweise auf Front-, Heck- oder Allradantrieb schalten. Ein unglaubliches Auto, von null auf 100 in 3,4 Sekunden. 1985 wurde ich Dritter und „Rookie of the Year“ (Bester Neuling). 1987 lag ich bei den Zwischenzeiten in Führung, bis zwei Kurven vor Schluss die Vorderradaufhängung brach. Der Doppelmotor war eine faszinierende Idee – aber leider nicht zukunftstauglich.