Volkswagen Magazin

Dich brauchen wir unbedingt!“, sagt die Workshop-Leiterin zu mir, als ich meine E-Mail-Adresse in die Liste eintrage. Für eine „Innovation Challenge“ in Boston wollen sie mich bald kontaktieren. Ich bin zwar kein Erfinder. Aber wer weiß, vielleicht leiste ich bald einen Beitrag zur Verkehrssicherheit der Zukunft? Und das nur wegen diesen funkenden Kühen. Doch der Reihe nach.

Autor Tin, erleuchtet? Gute Ideen gab es zumindest viele.
Mary Robinson appelliert an die Ideale junger Menschen.

»Bist du es, der künftige Leader?«

Mary Robinson, UN-Sondergesandte für den Klimawandel

Gerade unterhalte ich mich allerdings mit einer jungen Frau aus Uruguay über, nun ja: Kühe. Victoria Alonsoperez schaut nicht wie jemand aus, der beruflich in der Landwirtschaft tätig ist. Sie trägt einen schwarzen Blazer, roten Lippenstift und hohe Schuhe mit Tigermuster. Studiert hatte sie Elektro- und Luftfahrttechnik. Auf der „One Young World“-Bühne wurde die 26-Jährige von Alejandro Toledo vorgestellt, dem früheren Präsidenten von Peru. Er bat sie, nicht ins Silicon Valley abzuwandern, sondern ihrer südamerikanischen Heimat treu zu bleiben.

Nicht, dass die Bitte nötig gewesen wäre: „Unsere Kunden sind in Uruguay“, sagt Victoria. Ihr Start-up will GPS-Sensoren für Rinder auf den Markt bringen. Anders als in Europa oder den USA grasen Rinder in Südamerika oder Afrika frei laufend, oft sind sie über Tausende Quadratkilometer verteilt. Sie wiederzufinden ist oft schwierig. Auch Viehdiebstahl ist ein Problem. Die Tiere digital zu orten wäre ein großer Vorteil. Zeichnet man außerdem ihr Bewegungsprofil und ihre Körpertemperatur auf, lassen sich Erkrankungen und Seuchen schneller erkennen. „Wir arbeiten mit der Universität zusammen und testen gerade das Geschäftsmodell. Zwei Bauern haben das System im Einsatz“, erklärt Victoria und zeigt auf ihrem Laptop die Prototypen an den Rinderhälsen. Sie hat bereits die ITU Telecom World Young Innovators Competition für das System gewonnen und will es bald auf den Markt bringen. Gerade wartet sie auf die erste Lieferung aus China.

Victoria Alonsoperez' Idee: GPS-Chips für Kühe.

» Dieses Rad fährt mit Solarenergie so schnell wie ein Moped. Eine echte Marktlücke im sonnigen Namibia. «

Bernhard Walther, Ingenieur

Es ist ein normales Fahrrad. Bernhard hat nur das Vorderrad durch ein motorisiertes ersetzt, einen Akku in den Flaschenhalter gesteckt und einen Solarkollektor auf den Gepäckträger montiert. „In Deutschland ist dieses Umrüsten nicht erlaubt, E-Bikes müssen aus einem Guss sein“, sagt Bernhard, „dabei macht sie das nur unnötig teuer.“ Der Bausatz spart Kosten, was für Afrika entscheidend ist.

 

Nach Namibia kam Bernhard über ein Praktikum bei der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit. Das Land sieht er als mögliches E-Bike-Mekka: „Für normale Räder ist die Hauptstadt Windhoek eigentlich zu heiß und zu steil. Aber dafür gibt es ständig Sonne und bereits einige NGOs, die Fahrräder verbreiten.“ Er wolle aber nichts verschenken, sondern die Räder auf Raten verkaufen. „Nur so wird es nachhaltig“, meint Bernhard. Als mögliche Kunden sieht er etwa Studenten, die oft 20 bis 30 Kilometer pendeln müssten.

Pendeln scheint in der folgenden Ideenrunde viele zu bewegen. „Ich stehe auch oft Stunden im Verkehr“, erzählt eine Studentin aus Bangladesch, „verpasse deshalb manchmal sogar Prüfungen.“

Sie denke sich dann, ob es nicht klug wäre, wenn Menschen wie sie einfach mit anderen mitfahren, um das Verkehrsaufkommen zu reduzieren. „Aber man weiß nie, bei wem man ins Auto steigt und durch welche Gebiete er fährt“, gibt eine Teilnehmerin aus Indien zu bedenken, die für Google arbeitet und vorschlägt, die Suche nach einem zuverlässigen Fahrer über soziale Netzwerke zu organisieren.

„Grenzen der Gedanken durchbrechen“, das Stichwort kreist mir im Kopf herum. Und während die Gruppe diskutiert, ob und wie man einen Fahrer über Twitter daran beurteilen könnte, wie er durch welche Gegenden fährt, lasse ich mich vom geballten Input zum Assoziieren verführen und verlasse das verregnete Dublin in Richtung Tagtraum. Ich bin in Neu-Delhi, total überhitzt. Nicht dass ich je dort gewesen wäre. Aber nun sehe ich mich im Auto von @CrazyRajiv83 sitzen, der Fahrer, den ich über eine – noch zu entwickelnde – indische Mitfahrplattform kennengelernt habe.

Ideen finden ist wichtiger, als harte Kontroversen führen.
Staugeplagte Inder wollen Mitfahrgelegenheiten via Twitter sicherer machen.
Der internationale Nachwuchs brainstormt. Danach wird gepostet – analog und digital.

Doch der verrückte Rajiv drückt nicht nur oft und lang auf die Hupe, sondern auch leidenschaftlich aufs Gas, während er zu überdrehter indischer Popmusik mit überdrehtem Motor durch die enge Riesenstadt rast. Ich halte mich verzweifelt schwitzend am Sitz fest. Ich versuche zu twittern, niemals mit @CrazyRajiv83 zu fahren. Aber sein Fahrstil erzeugt so viel Fliehkraft, dass mein Daumen ständig vom Handy rutscht. Mit quietschenden Reifen biegt Rajiv in die Kurve und dann mit noch lauter quietschenden Reifen: Vollbremsung! „Was ist los?“, schreie ich. Rajiv zeigt auf die Straße vor uns. Eine Kuh, mitten auf der Straße und ohne Anstalten, von ihrem Standpunkt abzurücken. Stimmt, sind die hier nicht heilig? Ich schaue mir das Tier genauer an. Trägt es einen von Victorias Sensoren?

Plötzlich höre ich mich Rajiv anfluchen: „Warum trägst DU nicht so einen Sender? Dann wüssten wir alle längst, dass du ein Albtraum-Fahrer bist und ich müsste dich gar nicht erst twittern!“ Rajiv zuckt die Schultern und zückt sein Handy, um einen Weg um die Kuh herum zu suchen. „Rajiv trägt ja längst einen Sensor!“, denke ich, annähernd erleuchtet.

Als ich aus dem Tagtraum auftauche, präsentieren die anderen Workshop-Teilnehmer bereits ihre Resultate an den Flipcharts. Eine Gruppe will die Idee von Mikrokrediten auf Mobilität übertragen, statt Einzelpersonen sollen demnach viele Menschen mit Minibeträgen die Versicherung für ein Auto finanzieren. Finde ich gut. Eine andere Gruppe will modulare Autos bauen, die gewissermaßen wachsen und sich stets verändern, je älter man mit ihnen wird. Finde ich auch gut. Ein Teilnehmer schlägt einen „Falling Elvis“ auf dem Armaturenbrett vor, eine Art Wackel-Dackel in Form von Elvis Presley für Fahrschüler, damit sie ein Gefühl für Beschleunigung und Bremsen kriegen. Auch die Idee gefällt mir, wenn auch bei Rajiv dieser Elvis nurmehr liegen würde und seine pädagogische Wirkung kaum entfalten könnte.
Nach ein paar abendlichen Umwegen in lokale Pubs und Brauereien geht der Gipfel weiter. „One Young World“ ist, man muss das der Vollständigkeit halber sagen, keine Konferenz, auf der kontrovers diskutiert wird. Sie soll inspirieren. Der Erfinder der Mikrokredite und Nobelpreisträger Muhammad Yunus predigt sanft wie ein Imam von fairem Wirtschaften. Als eine junge Frau von ihrer Flucht aus Nordkorea erzählt und allem, was ihrer Familie dabei angetan wurde, der Gefangenschaft ihres Vaters, der Vergewaltigung ihrer Mutter, der Propaganda der Exekutionen und den Gräsern, von denen sie sich ernähren mussten, als ihr Vater im Gefängnis war, haben manche im Saal Tränen in den Augen.

» In meiner Heimat darf niemand sagen, was er denkt und was er will. «

Yeonmi Park, Nordkoreanerin

Dann wird es wieder technisch. Ich besuche einen Workshop zum Thema Straßensicherheit, veranstaltet von einem Brauereikonzern. Wir sollen Ideen sammeln, um Fahren sicherer zu machen. Erst Bier trinken und dann losfahren, das ist nach wie vor ein globales Problem, vor allem unter den 15- bis 30-Jährigen. Oder Smartphones hinterm Steuer, beim SMS-Schreiben passiert so mancher Unfall. „Eine App, die das Smartphone auf stumm schaltet, sobald man ins Auto steigt“, schlägt eine Gruppe vor. Finde ich gut. Doch ich denke wieder an Rajiv. Hätte ihm das wirklich geholfen? Ich denke an Victorias Kühe. Warum sollte mit Rajiv nicht gehen, was mit Rindern geht? Ich werfe ein, ob diese App nicht auch gleich das Fahrverhalten aufzeichnen könnte? Wie schnell fährt man? Wie ruhig oder unruhig? Ist der Fahrer wirklich fahrtüchtig? Ähnliche Apps gibt es bereits. Aber vielleicht könnten sie auch erkennen, dass Rajiv entweder wahnsinnig oder angetrunken ist und dass er durch unsichere Gebiete fährt? Und diese Info gleich auf die indische Mitfahrplattform stellen?
„Großartige Idee!“, sagt einer in der Runde, auch vom Podium kommt zustimmendes Nicken. Und so nehmen die Dinge ihren Lauf. Ich habe in diesen Tagen gespannt den Geschichten über Rinder, Seuchen, Pendlertum und E-Bikes gelauscht, auf der Reise zu den Grenzen meiner Gedanken. Und da haben wir sie jetzt: eine vage Idee, die bei Kühen anfing, via Indien bei Autofahrern ankam und von der man nicht weiß, ob sie wie Rajivs Horrortrip in der nächsten Sackgasse endet oder in eine glorreiche Zukunft führt. Wird sie aus mir einen künftigen Leader machen? Keine Ahnung. Aber ich habe mich jetzt mal für die „Innovation Challenge“ eingetragen.