Volkswagen Magazin

Wie werden die Menschen anno 2030 leben?

Wang Han, elf Jahre alt, stellt sich die Zukunft so vor: „Autos werden 1.000 Stundenkilometer schnell fahren“, sagt der Grundschüler mit leuchtenden Augen. „Die Menschen in Peking werden auf Stadtautobahnen düsen, die gebaut sind wie Rennbahnen mitten in der Stadt.“


Ein warmer Nachmittag in der Pekinger City, draußen vor dem Eingang des chinesischen Wissenschafts- und Technikmuseums schiebt sich der Berufsverkehr im Schritttempo durch die 20-Millionen-Hauptstadt. Han und seine Mutter sind zur Eröffnung des „Science Tunnel 3.0“ gekommen, einer multimedialen Schau der deutschen Max-Planck-Gesellschaft (MPG), unterstützt von Volkswagen. Staunend steht der Fünftklässler vor dem „People’s Car“, einem Prototyp des Autos der Zukunft, das Studenten aus ganz China gemeinsam mit einem Design-Team von Volkswagen entworfen haben: ein schlanker, umweltfreundlicher Siebensitzer mit dem Aussehen eines futuristischen SUVs, ganz auf die Bedürfnisse einer idealtypischen chinesischen Kleinfamilie zugeschnitten, ein Zukunftsmobil mit reichlich Platz und Komfort für Mutter, Vater, ein Kind und vier Großeltern. Vier „In-Wheel“-Motoren beschleunigen das Elektroauto. Während der Fahrt speist ein Solardach zusätzlich Strom in die Autobatterie.

Der Prototyp des „People’s Car“ zählt zu den Volkswagen Exponaten auf der Schau.
Meiyi, fünf Jahre, bewundert das Zukunftsmodell einer Marssonde.

Zukunftsszenarien anno 2030: Das ist das Thema der internationalen Wanderausstellung. Auf 1.200 Quadratmetern werden jüngste Forschungsergebnisse deutscher und chinesischer Wissenschaftler präsentiert – auf großflächigen Multitouch-Displays, mithilfe von Videos und interaktiven Computersimulationen. Es geht um große, drängende Fragen: Woher beziehen wir künftig Energie, wenn die Ressourcen immer knapper werden? Wie ernähren wir eine Weltbevölkerung von neun Milliarden Menschen und mehr? Wird es auf der Erde genug Platz geben? Wie gewinnen wir sauberes Trinkwasser? Womit heilen wir die Krankheiten von morgen?


Die „Science Tunnel“-Schau wandert seit 14 Jahren mit Erfolg um den Globus, Millionen Menschen auf vier Kontinenten haben sie besucht, von Lima bis Mexico City, von Singapur bis Johannesburg. In Peking, einer der gegenwärtig dynamischsten Megacitys weltweit, sind die Fragen, mit denen sich die MPG-Forscher in ihren Arbeiten beschäftigen, von besonderer Brisanz: Die Kapitale wächst so rasant, dass die Behörden mit den Umweltschutz-Erfordernissen längst nicht mehr Schritt halten können. Fast täglich hängt eine Dunstglocke über der Innenstadt, blauen Himmel sieht man selten. Schon jetzt platzt die Stadt, in die jährlich rund 700.000 Arbeiter, Bauern und Studenten zuwandern, aus allen Nähten. Ähnlich sieht es im Großteil der über 160 anderen Millionenstädte im Land aus.

„Wir sind ein riesiges Land mit 1,4 Milliarden Menschen. Viele Herausforderungen der Zukunft – Bevölkerungswachstum, Umweltschutz, Energieversorgung – treffen uns in einem besonderen Maße“, sagt Dr. Zhou Dejin, Generaldirektor der Chinesischen Akademie der Wissenschaften (CAS). Seit 40 Jahren bereits kooperiert seine Institution mit der Max-Planck-Gesellschaft auf dem Gebiet der Grundlagenforschung. Mit der Ausstellung versuchen Forscher beider Länder zu zeigen, wie mögliche Lösungen aussehen könnten: So ist es Max-Planck-Wissenschaftlern aus Göttingen gelungen, den Weg von Epidemien mithilfe von Online-Computerspielen vorauszusagen. Forscher aus Greifswald arbeiten an einer neuen Form der Energiegewinnung, bei der der Prozess, der in der Sonne abläuft – die Kernfusion –, technisch reproduziert werden soll. Chemiker aus Mainz entwickeln Nano-Zellen, mithilfe derer medizinische Botenstoffe in kranke Körperteile transportiert werden können. Auf dem Gebiet der Nanotechnologie präsentiert auch die chinesische Wissenschaft neue Erkenntnisse: CAS-Experten haben blasenartige Nano-Moleküle hergestellt, die Arsen und andere Giftstoffe aus verunreinigtem Trinkwasser filtern können. Andere Nano-Zellen sind dazu geeignet, Energie aus natürlichen Gasen wie Methan zu gewinnen.

Professor Martin Stratmann, Präsident der MPG, war 2001 erstmals in China. Deutsche Wissenschaftler wurden von ihren chinesischen Kollegen damals vor allem als Lehrer wahrgenommen, erinnert er sich. „Inzwischen wächst China zu einer führenden Wissenschaftsnation heran, und das in rasender Geschwindigkeit“, sagt Stratmann. „Chinesische Forscher sind auf dem Sprung an die Weltspitze.“ Neue Erkenntnisse aus China zu Themen wie Urbanisierung und Umweltschutz seien nicht nur für die weltweit bevölkerungsreichste Nation von Bedeutung, sondern für Entwicklungsländer auf der ganzen Welt. Zumal die Volkswirtschaften rund um den Globus verstärkt auf China blicken. Das Land gilt als führende Supermacht der Zukunft, schon heute ist es in zahlreichen Wirtschaftsbranchen der Schlüsselmarkt schlechthin. Der Volkswagen Konzern lieferte 2013 in China fast 3,3 Millionen Fahrzeuge aus, rund ein Drittel des weltweiten Absatzes. Und im ersten Quartal 2014 stiegen die Auslieferungen der Marke Volkswagen im „Reich der Mitte“ (inklusive Hongkong) um 17,5 Prozent.

 

Die gute Nachricht für den Rest der Welt: Trotz aller gegenwärtigen Probleme blicken die meisten Chinesen optimistisch nach vorn. Laut einer Studie des amerikanischen Thinktanks Pew Global schätzen 83 Prozent aller befragten Chinesen ihre Zukunft positiv ein. In Deutschland, der Heimat von Volkswagen, tun dies nur drei Viertel der Menschen – im weltweiten Schnitt gerade mal 27 Prozent. „Die Chinesen erwarten etwas von der Zukunft. Die meisten haben in ihrem Leben erleben können, wie sich das Leben zum Positiven verändert“, sagt Professor Stratmann.

Der 420 Meter hohe Jin Mao Tower in Shanghai symbolisiert Chinas rasanten Wandel.
Martin Stratmann (re.), Präsident der MPG, bei der Schau-Eröffnung in Peking.

» Meine Tochter erlebt viel zu selten, wie ein klarer Himmel aussieht. «

Zhang Qian, 40 Jahre

Zum Beispiel Zhang Qian, 40 Jahre alt, Mutter einer fünfjährigen Tochter. Zhang ist in Shenyang, einer Stadt im äußersten Norden Chinas aufgewachsen, zu Hause gab es weder Kühlschrank noch Fernseher, Fleisch kam nur einmal im Monat auf den Tisch. Mit Anfang 20 zog sie nach Peking, heute lebt die Hausfrau mit Mann und Kind in einer komfortablen Eigentumswohnung, erst vor Kurzem hat die Familie ein neues Auto gekauft. „Wirtschaftlich mache ich mir keine Sorgen“, sagt Zhang, während sie mit Tochter Meiyi durch die „Science Tunnel“-Ausstellung spaziert. Vieles in China müsse aber noch besser werden: die Gesundheitsversorgung, das Erziehungssystem. Auf ihre Kindheit blickt sie mit einem Hauch von Nostalgie: „Das Gemüse hat früher besser geschmeckt“, sagt Zhang. „Und meine Tochter erlebt viel zu selten, wie ein klarer Himmel aussieht.“

» Wenn es Wissenschaftlern gelingt, das Geheimnis des menschlichen Gehirns zu knacken, wird das unsere Welt revolutionieren. «

Wang Lixin, 47 Jahre, IT-Ingenieur

Wang Lixin, 47, IT-Ingenieur, glaubt fest an den Fortschritt: „Wenn es Wissenschaftlern gelingt, das Geheimnis des menschlichen Gehirns zu knacken, wird das unsere Welt revolutionieren“, sagt er. Seiner Fantasie nach sieht die Welt im Jahr 2030 so aus: Künstliche Intelligenz ersetzt Menschen in allen Lebensbereichen. Roboter werden zu Sekretären, Altenpflegern und Köchen.

Computer betreiben eigenständig Forschung, um ein Vielfaches effizienter als Menschen. „Die Ein-Kind-Politik wird überflüssig, die Bevölkerung wird langfristig zurückgehen. Unsere Städte werden leerer, und das kann nur gut sein“, sagt er. „Sobald alle Menschen Elektroautos fahren, wird es wieder mehr Bäume in den Städten geben und mehr Grün“, meint Zhao Jixiang, 20 Jahre alt und Student an der Technischen Universität in Peking.

» Sobald alle Menschen Elektroautos fahren, wird es wieder mehr Bäume in den Städten geben und mehr Grün «

Zhao Jixiang (rechts im Foto), 20 Jahre

» Keine Sorge, das Auto bleibt. «

Wolfgang Müller-Pietralla ist der Visionär bei Volkswagen und erklärt, wie wir uns 2030 fortbewegen.

Zum Thema Mobilität führen in Peking die Volkswagen Zukunftsexperten ihre Vision einer „MicroCity“ mit einer ausgekügelten Computeranimation vor: Autos, aerodynamisch geformt wie Rennwägen, sausen leicht und geräuschlos durch Hochhausschluchten. Bordcomputer weisen dem Fahrer freie Parkplätze zu. Einkäufe werden von Robotern übernommen, die in den Supermarkt gehen und den Kofferraum beladen, während der Mensch eine Verabredung im Kino oder im Büro hat.

 

Autos wie diese würde der elfjährige Wang Han später nur zu gern selbst entwerfen. Autoingenieur ist sein Traumberuf. Der Fünftklässler glaubt, dass Menschen im Jahr 2030 ein bequemes Leben führen werden. „Überall, wo wir ein Haus betreten, wird die Tür von alleine aufgehen. Wenn wir Hunger haben, reichen Roboter uns das Essen.“ Das Tolle daran: Jeder werde viel mehr Zeit haben für Bücher und für Hobbys. „Man muss dann nur noch darauf achten, dass man nicht zu dick wird.“

» Überall, wo wir ein Haus betreten, wird die Tür von alleine aufgehen. Wenn wir Hunger haben, reichen Roboter uns das Essen. «

Wang Han, 11 Jahre

» 20-Jährige kennen nur Fortschritt. «

Wie sehen Chinesen die Zukunft? Und was bedeutet ihnen Mobilität? Fünf Fragen an Sven Patuschka, Leiter Volkswagen Research & Development in China.

Herr Patuschka, Chinas Rolle in der Welt wird immer wichtiger. Aus Ihrer Erfahrung: Blicken Chinesen anders in die Zukunft als zum Beispiel Europäer oder Amerikaner?

Chinesen blicken zuversichtlicher in die Zukunft. Vor allem die junge Generation der 20-Jährigen kennt nur atemberaubenden Fortschritt und zunehmenden Wohlstand. Millionen Landbewohner ziehen in die Stadt, Bauern werden zu Arbeitern, Arbeiterkinder zu Studenten. Chinesen können heute ihren Beruf freier wählen und einfacher um die Welt reisen. Im Gegensatz zum Westen, wo ein höherer Lebensstandard bereits erreicht ist und die Märkte weitestgehend gesättigt sind, empfinden die Chinesen, dass Wirtschaft und Gesellschaft weiteres Entwicklungspotenzial besitzen.

 

Für welche Zukunftstechnologien können sich Chinas Bürger besonders begeistern?

Ein großer Trend sind mobile Technologien. Viele Chinesen pendeln täglich lange Strecken zur Arbeit. Wollen sie ihre Familien besuchen, müssen sie Hunderte, zum Teil Tausende Kilometer zurücklegen. Smartphone-Apps, die Information und Unterhaltung bieten, sind daher äußerst beliebt. Darüber hinaus interessieren sich Chinesen zunehmend für umweltfreundliche Haustechnologien, wie zum Beispiel energieeffiziente Klima- und Heizungsanlagen. In Sachen E-Mobilität sind Chinesen schon jetzt Trendsetter: Elektro-Scooter bestimmen das Straßenbild der Megacitys im Land.
 

China steht als Land vor großen Herausforderungen. Wovor haben die Bürger, aus Ihrer Sicht, am meisten Sorge?

Die Umweltbelastung ist für viele Chinesen Thema Nummer 1. Von Regierungsseite werden große Anstrengungen unternommen, um entsprechende Lösungen zu finden. Mit dem Wohlstand steigen auch die Anforderungen an jeden Einzelnen, sowohl im beruflichen als auch im familiären Umfeld.


Autos haben in China lange eine untergeordnete Rolle gespielt, erst seit gut zwei Jahrzehnten boomen die Verkäufe. Was bedeutet die unterschiedliche Weltsicht der Chinesen für Volkswagen?

Ganz klar erwarten unsere Kunden, dass wir ihre spezifischen Bedürfnisse bei der Entwicklung unserer Fahrzeuge berücksichtigen. Sie wollen „maßgeschneiderte“ Lösungen von uns haben. So werden wir als Marke auch in China wahrgenommen, da wir diesen Wunsch schon seit über 30 Jahren immer wieder erfüllen. Wir haben hier in den letzten drei Jahrzehnten 20 Millionen Fahrzeuge an die Frau und an den Mann gebracht. Wir bieten die breiteste Produktpalette aller Automobilhersteller hier in China, für jeden Kundenwunsch die richtige Antwort. Und das werden wir auch in der Zukunft weiter verfolgen. Ziel ist es, noch mehr Produkte lokal zu produzieren und weiterhin Autos zu bauen, die dem Geschmack unserer chinesischen Kunden entsprechen.

» In Sachen E-Mobilität sind Chinesen schon jetzt Trendsetter. «

Sven Patuschka

Worauf legen Chinesen besonderen Wert?

Viele Chinesen leisten sich zum ersten Mal ein Auto. Auf der anderen Seite gibt es aber auch viele Kunden in China, die bereits jahrelange Erfahrung mit unterschiedlichen Marke und Modellen haben. Diese Zielgruppe hat zunehmend differenziertere und individuellere Wünsche. Junge Chinesen schätzen ein besonderes Exterieur, bunte Farben, mit denen der Besitzer seiner Persönlichkeit Ausdruck verleihen kann. Sehr beliebt sind SUVs wie etwa unser Touareg. Familie hat in China einen enorm hohen Stellenwert. Aus diesem Grund sind vor allem große Innen- und Stauräume gefragt: Es müssen schließlich viele Menschen und deren Gepäck in den Wagen passen – nicht umsonst sind „Familienautos“ mit Stufenheck hier im Markt sehr populär. Die Volkswagen Modelle Lavida, Sagitar (Jetta) und Bora sind unsere größten Verkaufsschlager. Und schließlich: Mobile Technologien werden zukünftig eine immer wichtigere Rolle spielen – zum Beispiel um Musik vom Handy auf das Soundsystem zu spielen oder das Fahrzeug über eine Handy-App zu navigieren.