Volkswagen Magazin

Eigentlich hatte Christian Heinz die Idee zu manelec schon vor 20 Jahren. Damals fahndete der Viertklässler gerne auf dem Sperrmüll seines bayerischen Heimatorts nach ausgefallenen Fundstücken. Neben alten Radios und defekten Waschmaschinen entdeckte er einen ausrangierten Rollstuhl. Als er das unhandliche, leicht lädierte Gefährt mit viel Kraft über unebene Wege nach Hause bugsiert hatte, erklärte er seinem Vater, der Rollstuhl brauche dringend einen Motor.

Gründer-Garage.

Der Ideen-Wettbewerb ruft Menschen mit Unternehmergeist auf, Konzepte aus allen Gesellschaftsbereichen einzureichen. Gemeinsam mit anderen Gründern trainieren die Teilnehmer, aus ersten Einfällen begeisternde Pitches zu entwickeln. Den Finalisten winken Preise im Gesamtwert von über 100.000 Euro. 2014 errang die Ruhestandsberatung „HiRus - Helden im Ruhestand“ Platz eins, manelec erhielt den Publikumspreis.
Volkswagen zählt neben Allianz, 3M, der Investitionsbank Berlin u. a. zu den Partnern der Gründer-Garage, die von Google und der Stiftung Entrepreneurship gegründet wurde. 

Vorgespult in den Spätherbst 2014: Der 30-Jährige mit dem Dreitagebart steht im weißen Hemd auf der Bühne, um den Hals baumelt an einem grünen Band sein Name, darunter der Name seines Start-ups, in der Hand hält er mehrere Gutscheine, die er und sein Team gerade gewonnen haben. Den 7. Platz unter 839 Teams und den Publikumspreis haben Christian Heinz und seine Mitgründer Sebastian Prengel und Janina Münch beim Ideenwettbewerb der Gründer-Garage in Berlin ergattert. Die Idee? Ein elektrischer Hybridantrieb für Rollstühle. „Wir haben’s gerockt“, postet der Diplom-Ingenieur an dem Abend noch bei Facebook. „Genial“ findet Christian Heinz das Erklärvideo, mit dem die drei in Berlin den Publikumspreis gewannen, das müsse so schnell wie möglich auf die Webseite, um Investoren und potenzielle Partner zu begeistern.


Für ihre Idee werben die drei Gründer aus Dresden seit einem Jahr bei Professoren, Stipendiengebern und Investoren. 

» Es ist motivierend zu sehen, dass unser Produkt Sinn ergibt. «

 Christian Heinz

Mit einem Gründerstipendium des Bundeswirtschaftsministeriums finanzieren sie ihre Forschungen fürs erste Jahr. Die Initialzündung für die Gründung des manelec-Teams entstand durch die Diplomarbeit von Christian Heinz an der Technischen Universität (TU) Dresden. Ein rollstuhlfahrender Freund hatte sich bei einem Mitarbeiter des Instituts über den schwerfälligen Antrieb der Rollstühle beschwert. Eine Lösung war gefragt – und Christian Heinz begann zu forschen. Sein Ziel: ein Modell, das die Muskelkraft des Rollstuhlfahrers bei jedem Schwung unterstützt, basierend auf der Technologie der E-Bikes. Die elektrische Komponente der Diplomarbeit betreute damals Sebastian Prengel, der dann so begeistert von den Möglichkeiten war, dass er in das Projekt einstieg und jetzt die Steuerungselektronik entwickelt.

Die Beschäftigung mit dem Thema berührt die Gründer natürlich auch emotional. „Ich finde es beeindruckend, wie positiv Rollstuhlfahrer mit ihrer Einschränkung umgehen können. Es ist motivierend zu sehen, dass unser Produkt Sinn ergibt“, sagt Christian Heinz. Auf einer Messe für Medizintechnik befragte er als Diplomand für seine Arbeit über 50 Rollstuhlfahrer. Das Ergebnis: Über die Hälfte war sehr interessiert an einer elektrischen Unterstützung. „Tolle Idee, denn einen E-Rollstuhl kann sich nicht jeder leisten“, sagte einer. „Leichter ist immer besser!“, kommentierte ein anderer. Bei rund einer halben Million Aktiv-Rollstuhlfahrer, die sich aus eigener Kraft fortbewegen und nicht geschoben werden müssen, ist das Marktpotenzial groß. Die Begeisterung der Rollstuhlfahrer habe den Kick zur Unternehmensgründung gegeben.

Am Institut der TU Dresden tüftelt das Team am Prototyp.
Die Nabe ist das Herzstück des Narbenmotors.
In dieser Platine steckt die gesamte Steuerungselektronik.
Der Antrieb unterstützt den Fahrer bei jedem Schwung.

Kaum hatten die Ingenieure Heinz und Prengel den Entschluss gefasst, ein Start-up zu gründen, benötigten sie organisatorische Unterstützung. Sebastian Prengel kam gleich die beste Freundin seiner Frau in den Sinn, Janina Münch: „Janina ist ein Organisationstalent und bringt genug Energie mit für unser Projekt.“

Während Christian Heinz und Sebastian Prengel an einem Prototypen arbeiten, der in den kommenden Monaten einsatzbereit sein soll, ist die Wirtschaftswissenschaftlerin Janina Münch verantwortlich für die Unternehmensstrategie. „Wir sprechen mit Krankenkassen und Rollstuhlherstellern. Es geht darum, Interesse zu wecken, Möglichkeiten mit potenziellen Partnern auszuloten und Investoren zu finden“, sagt Janina Münch. Ein Name für das Produkt musste her und war schnell gefunden: „manelec“ steht für die Kombination aus dem lateinischen Wort „manus“ (Hand) und „elektrisch“.

Bei Janina Münch geht alles etwas schneller, langes Herumüberlegen gibt es bei ihr nicht. Vor einigen Jahren hat sie an dem Sinn ihres Betriebswirtschaftsstudiums gezweifelt und kurzum eine Lösung für sich gefunden: Ein halbes Jahr arbeitete sie in einem jüdischen Hospiz in Jerusalem. „Wir alle haben nur eine begrenzte Zeit“, sagt die 31-Jährige, „und die will ich nutzen, solange ich es kann.“ Die Energie und Durchsetzungskraft der Leipzigerin schwingt in den dunklen Locken mit, wenn sie redet und deutlich macht, dass die drei Gründer als Team gut funktionieren: „Wir arbeiten eng verzahnt miteinander, aber jeder macht sein Ding. Ich mache das mit den Zahlen, Sebastian macht das mit der Steuerungselektronik und Christian arbeitet an der mechanischen Umsetzung.“ Gleichberechtigt seien sie alle drei, da lässt Janina Münch keine Zweifel aufkommen.

» Wir sprechen mit Kranken­kassen und Rollstuhl­herstellern. Es geht darum, Interesse zu wecken und Investoren zu finden. «

 Janina Münch

Besucher holt sie im Business-Look mit hellblauer Bluse und Tweedjackett am Eingang des Backsteinbaus auf dem Gelände der TU Dresden ab. Über den Behinderteneingang an der Rückseite des Gebäudes führt der Weg, Janina Münch geht mit festem Schritt voran. Auf dem unebenen, teilweise ungepflasterten Weg erklärt sie, warum der neue Antrieb wirklich eine Erleichterung bedeutet. „Viele barrierefreie Eingänge sind gar nicht einfach zugänglich, jeder Stein, der auf dem ungepflasterten Weg liegt, bedeutet mehr Widerstand und Kraftaufwand. Der Weg für Behinderte ist oft länger und führt über schwieriges Gelände.“ Mit der elektrischen Antriebshilfe von manelec soll der Rollstuhlfahrer dann in Zukunft leichter vorankommen.

Genauer erklären können das die Ingenieure, die im Büro programmieren und löten und ausprobieren, damit der Prototyp bald rollt. Versteckt wie die Werkstatt von Q, dem Leiter der Forschung und Entwicklung des britischen Geheimdienstes bei James Bond, liegt das kleine Büro unter dem Dach in einem Giebel neben den Herrentoiletten. Zwischen Laptop und Lötkolben diskutieren Christian Heinz und Sebastian Prengel mit ihrem ersten Mitarbeiter Friedemann Lätsch die nächsten Schritte.

Sebastian Prengel ist entspannt, die Ärmel seines weißen Hemds hat er hochgekrempelt, er ist der Erfahrenste im Team. Früh war der Weg zum Forschen vorgezeichnet, als Jugendlicher frisierte der Potsdamer alte DDR-Mopeds, baute für „Jugend forscht“ einen Mikrocontroller mit Funksteuerung und programmierte als Schüler für O2 ein Aktenablagesystem. Mit Daniel Düsentrieb hat der hochgewachsene Mann mit dem dunklen Schopf nur das runde Brillengestell gemeinsam. Dahinter steckt ein wacher Blick, der erahnen lässt, dass da jemand blitzschnell denken kann.

Sebastian Prengel hebt mit seinen langen Armen eins der schweren Rollstuhlräder an, bis zu zwölf Kilo wiegen bei manchen Konstruktionen der Konkurrenz die einzelnen Räder. Manelec will die Komponenten leichter machen, damit Rollstuhlfahrer ihr Gefährt leichter ins Auto verladen können und damit mobiler sind.

» Für Autos haben wir Algorithmen erprobt, die sich auf den Rollstuhl übertragen lassen. « 

 Sebastian Prengel

Gleichzeitig soll der Radius erweitert werden. Bis zu 20 Kilometer kann man mit dem manelec-Antrieb ohne Aufladung zurücklegen. Informationssystemtechnik hat Prengel studiert und an der Universität ist er auch geblieben. Am Institut für Leichtbau und Kunststofftechnik leitet er ein Team und ist mit Leidenschaft dabei: „Wir machen an dem Institut wirklich coole Sachen. In zwei Projekten haben wir Algorithmen für Autohersteller erprobt, die sich perfekt auf den Rollstuhl übertragen lassen.“

Dieses Know-how, gepaart mit einer innovativen Anordnung der Sensoren am Rad und einer Software, die erahnt, was der Fahrer plant – das ist das Geheimnis hinter der Erfindung von manelec. Viel mehr wollen die Techniker nicht verraten, denn der Prototyp soll erst einmal zum Patent angemeldet werden.

Die drei Gründer haben einen genauen Plan für das kommende Jahr: Wenn der Prototyp zum Patent angemeldet ist, wird er vom TÜV geprüft werden müssen, damit er auf der Straße rollen darf. Patent und Zertifizierung kosten Geld. Ein „Business Angel“ hat schon Interesse angemeldet, aber Beteiligungen von Finanziers wollen die Tüftler gerade ungerne eingehen. Mit dem Businessplan unter dem Arm sind Janina Münch und Christian Heinz auf der Suche nach Startkapital.

Eine Investition, die sich lohnen kann, denn wenn der Antrieb erst mal reibungslos funktioniert, will das manelec-Team sein Produkt wesentlich günstiger anbieten als die Konkurrenz. Mehrere Tausend Euro kosten die vorhandenen Antriebe – das können wir günstiger, da sind die Gründer sich sicher. Zweifel an ihrem Vorhaben haben die drei nicht. „Aber sollten wir bis Ende nächsten Jahres keinen substanziellen Erfolg vorweisen können“, sagt Sebastian Prengel, „dann müssen wir wohl sagen: Die Welt ist noch nicht so weit.“