Volkswagen Magazin

So ziemlich das Erste, was Giorgetto Giugiaro dem geneigten Besucher vorführt, ist die frische Kruste am linken Ellenbogen. Er ist mal wieder gestürzt, beim Trial. In der Geschicklichkeitssportart manövriert man spezielle Bikes, meist stehenderweise, durch extrem felsiges, unwegsames Gelände. Dass man hin und wieder zur Seite kippt, gehört dazu. Jedes Wochenende düst Giugiaro mit dem Motorrad durch die piemontesischen Seealpen, mal mit seinem Sohn Fabrizio, mal ohne. Als Fabrizio sein erstes Moped bekam, fing Giorgetto mit dem Trial an. Das war vor mehr als 30 Jahren. Heute ist er 75. Ein bisschen verrückt sei es schon, dass er so was immer noch mache, sagt er selbst. „Aber es hält mich am Laufen. Und so viel Verrücktheit muss erlaubt sein.“

» Begrenzungen sind immer auch Hinweise auf Freiräume. «

Giorgetto Giugiaro

Es ist schon sehr imposant zu sehen, mit welcher Verve der ehrenwerte Signor Giugiaro bis heute sein Leben lebt. Das Gelände seiner Firma Italdesign Giugiaro nahe Turin durchquert er meist mit dem Fahrrad, fast täglich kommt er ins Büro, zeichnet, plant, berät. Sein Sohn Fabrizio hat längst die geschäftlichen Belange der Firma mit rund 1.000 Angestellten übernommen. Doch er – den seine Eltern einst „Giorgetto“ tauften, den kleinen Giorgio also, obwohl er längst stolze 1,85 Meter misst – ist nach wie vor das Herz dieses Betriebs, die lebende Legende, deren Ideenreichtum und Temperament Autofans wie Konzernlenker bis heute in seinen Bann ziehen. Er kann sich aufregen wie ein 20-Jähriger, wenn er eine alte Design­skizze sucht und nicht findet. Und wenn er erst mal ins Erzählen kommt, ist er kaum noch zu bremsen.

Bis heute zeichnet er täglich: Giugiaro in seinem Firmen-Atelier in Moncalieri nahe Turin.

In Norddeutschland schätzte man seine schnörkellose „Italianità“ besonders.

Die nun außen wie innen überarbeitete Modellreihe stärkt diese Akzente. Die Front wirkt noch etwas sportlich-flacher, der Motor ist stärker und sparsamer. Im Innenbereich kommt der Geist des ersten Scirocco zur Geltung – die drei Anzeigen für Ladedruck, Stoppuhr und Öltemperatur oberhalb der Mittelkonsole lassen sich in Position und Stil durchaus als Hommage an Giugiaros Erstentwurf verstehen. Der erste Eindruck des Interieurs mit seinen (optionalen) Ledersportsitzen: ein gelungener Mix aus Dynamik und Klassizismus.
Wir haben ein leuchtend rotes Modell gewählt, was einen reizvollen Kontrast zur Patina der lieblich gewölbten Piemonteser Voralpenlandschaft mit ihren zahlreichen Weinbergen, wilden Tälern und jahrhundertealten Bergdörfern ergibt. Das Piemont, die Wiege des Scirocco, zählt sicher zu den schönsten, meistunterschätzten Landschaften Norditaliens. Rund um die Hügel der weltbekannten Rotweinorte Barolo und Barbera ergibt sich manche Gelegenheit, Straßenlage wie Schwung zu testen. In der Kurve liegt der neue Scirocco gewohnt sicher, unser 162 kW*-Motor meistert die diversen plötzlichen Anstiege mit mediterraner Leichtigkeit.
Ein wilder Wüstenwind, dieses Fahrzeug, mehr denn je.

Das leuchtende Rot des Scirocco ergibt einen reizvollen Kontrast zur Piemonteser Voralpenlandschaft mit ihren Weinbergen und Bergdörfern.

Der Scirocco in Zahlen.

Motorisierung: 162 kW (220 PS) TSI
Getriebe: 6-Gang-Doppelkupplungsgetriebe
Verbrauch (kombiniert): 6,4 l (kombiniert)
CO2-Emission in g/km: 148
Beschleunigung (von 0 auf 100): 6,5 sek
Höchstgeschwindigkeit: 244 km/h
Leergewicht: 1.394 kg
Abmessung: Länge: 4.256 mm, Breite: 1.810 mm, Höhe: 1.406 mm
Kofferraum: 312–1006 l
Highlights serienmäßig: LED-Rückleuchten, Sportlederlenkrad, Sportsitze, sportliche Zusatzinstrumente, 17 Zoll-LM-Räder
Weitere Motorisierungen: 92 kW (125 PS) TSI, 132 kW (180 PS) TSI; 110 kW (150 PS) TDI, 135 kW (184 PS) TDI; Scirocco R: 206 kW (280 PS) TSI

Ein Aristokrat und Gentleman: Giugiaro beim Gespräch über italienisches Design, deutsche Strenge und den neuen Scirocco.

Giorgetto Giugiaro empfängt uns am Firmeneingang von Italdesign mit der formvollendeten Höflichkeit des natürlichen Aristokraten. Perfekt sitzender Einreiher, dazu Krawatte und Hemd mit Namensinitialen am Revers. Sein Blick ist sehr direkt, sein Lächeln von herzlicher Zurückhaltung. Nach einem kurzen Defilee vorbei an seinen persönlichen Lieblingsmodellen im Autosalon spazieren wir ins offene Vorführrondell. Den neuen Scirocco sieht er zum ersten Mal. Zum Interview nehmen wir im Konferenzraum Platz. Wir umreißen kurz die Themen und versichern ihn unserer Verehrung, er wiegelt gütig ab. „Cominciamo.“ Fangen wir an. Wie beginnt man ein Gespräch mit einem wie ihm? Am besten schlicht.

Wie gefällt Ihnen das Auto, Signor Giugiaro?
Ach wissen Sie, Sie reden mit einem Kreativen, der es natürlich am liebsten selbst entworfen hätte. Jeder Designer hat seine eigenen Vorstellungen, jeder hätte einen anderen Scirocco gemacht. Aber ich muss sagen: Es ist ein erstklassiges Produkt, innen wie außen, ästhetisch wie technologisch, es ist leistungsstark und am Automarkt absolut State of the Art.

 

 

Erkennen Sie Ihren ersten Scirocco darin wieder?
Es wäre anmaßend, dies auch nur zu probieren. Heute kann man kein Auto bauen, dass einer 40 Jahre alten Physiognomie ähnelt. Der Bezug zum Erstauto kann nur im Namen liegen sowie vielleicht in ein paar Linienführungen und einem gewissen, schwer zu lokalisierenden Familiengeist. Sicher ist: Der neue Scirocco spielt in einer ganz anderen Liga als der alte. Ich glaube, er wird viel Erfolg haben.

Bertone, Pininfarina, Giugiaro – einverstanden, dass Sie der deutscheste unter Italiens klassischen Autodesignern sind?
Darüber müssen Sie befinden. Sicher ist, ich hatte schon immer eine Vorliebe für klare Lösungen. Das Notwendige mit einfachen Mitteln zu erreichen, das ist in etwa meine Philosophie. Viele Menschen lieben Barock. Aber wenn man etwas in großer Zahl herstellt, muss man sich auf das Wesentliche beschränken. Ich bevorzuge Dinge, die nicht allzu ausgetüftelt sind. Als ich meinen ersten Ferrari kreierte, war ich bereits 50 Jahre im Job. Ich bin selber nur 200 Kilometer mit ihm gefahren, dann hatte ich keine Lust mehr. Ich fand es reizvoll, den Ferrari zu machen, nicht ihn selbst zu benutzen. Meine psychologische Welt ist eine andere.

 


Ist es heute schwieriger, ein Auto zu designen als vor 40 Jahren?
Natürlich. Ergonomie, Hightech, Sicherheit – zahlreiche Aspekte beeinflussen heute den Designprozess. Man bräuchte einen Computer im Kopf, sie alle zu kennen. Aber Begrenzungen sind immer auch Hinweise auf Freiräume. Man verliert ja seine Freiheit immer nur zum Teil. Selbst ein Genie wie Michelangelo war keineswegs frei. Es gilt, das den Zwängen innewohnende Potenzial optimal auszuschöpfen.

 


Signor Giugiaro, Sie gelten als Vorbild für Generationen von Autodesignern. Ihr Rat an junge Nachwuchstalente heute?
Junge Designer haben meist viele tolle Ideen, aber keine Ahnung, wie die Dinge zusammenhängen. Je früher sie das lernen, umso besser. Das Auto ist kein Kunstwerk. Es trägt etwas Künstlerisches in sich, vor allem aber ist es ein Massenprodukt, das sich verkaufen muss.

 


Sie sind jetzt 75. Wann gedenken Sie sich zur Ruhe zu setzen?
Das kann ich nicht sagen. Mein alter Freund Ferdinand Piëch, mit dem ich mich bis zum heutigen Tag sieze, meinte einmal zu mir: „Wissen Sie, Giorgetto, Leute wie wir setzen sich niemals zur Ruhe. Wir haben es schlicht nie gelernt.“ Na, wir werden sehen. Vediamo.

» Selbst ein Genie wie Michelangelo
war keineswegs frei. «

Giorgetto Giugiaro