Volkswagen Magazin

Sport

Freunde fürs Rennen.

Stürme aus Staub und Lärm, lange Tage an der Strecke: Für die Anhänger der World Rally Championship ist das keine Qual, sondern ein wahrer Traum. Was treibt Rennfans an? Wir haben sie gefragt – bei der Rallye Portugal.

Text Alexander Langer
Fotos Lara Jacinto (18), Volkswagen Motorsport (5)
Zu jung für die WRC kann man nicht sein: Vera da Silva Pereira und Tochter Francesca (elf Monate) bei der Rallye Portugal.

Erstens: Chaos. Zweitens: Präzision. Die zwei widersprüchlichen Begriffe bekommt man oft zu hören, wenn man die Zuschauer an der Rennstrecke im nordportugiesischen Baião fragt, was sie an der FIA World Rally Championship (kurz WRC) besonders fasziniert.

Chaos: das brachial Urwüchsige, die Staubwolke, das Motorendonnern, mit dem sich die Autos schon aus der Ferne ankündigen. Präzision: die beneidenswerte Fähigkeit, mit der Fahrer und Co-Piloten im Höchsttempo millimetergenau die Strecke meistern, wie Chirurgen am Skalpell.

Rund 30.000 Menschen sind zum Portugal-Lauf der Rallye-Weltmeisterschaft gekommen (die im November 2016 in Australien zu Ende geht). Sie bejubeln den Etappensieger Sébastien Ogier (Volkswagen). Sie erleben die Gegensätze.

Ein Event, das ein so breites Spektrum für Faszination zulässt, hat natürlich eine gut gemischte, internationale Fangemeinde: Jung und Alt, in Gruppen und alleine, Ultras und stille Genießer. Die WRC hat tausend Gesichter – am Vormittag jedenfalls. Danach sind sie bald unter einer dicken Staubschicht verschwunden.

Andreas Mikkelsen (mit Startnummer 9) holte in Portugal Platz zwei für Volkswagen Motorsport.

Heute darf Tiago ohne Ende von Latvala  reden.

DER FAN UND DIE GEDULDIGE Der Deal ist ganz einfach: Heute darf Tiago Machado vom Rallye-Magier Jari-Matti Latvala reden, so viel er will. Freundin Patricia Honteiro ist es offiziell egal, „solange er den Rest des Jahres einfach mal Ruhe gibt“. Schwierig, arbeitet Tiago doch als Autoingenieur und ist damit sehr nah dran an der Materie. Während der Rennsaison verbringt er sonst die Wochenenden vor dem Fernseher und verfolgt die Rallye, meist mit seinen Freunden, die „immer bei ihm rumhängen“, wie Patricia es formuliert, während er mit den Achseln zuckt und grinst. „So ein Rennen inspiriert mich halt einfach immer. Ich liebe Autos.“ Weiterer Auswuchs der Begeisterung: Er plant, mit Patricia zusammen einmal nach Finnland zu reisen, in Latvalas Heimat, selbstverständlich zu einem WRC-Termin. Patricia nickt, die Aussicht auf eine richtige Reise, weit weg in den gänzlich unportugiesischen Norden, scheint gar nicht schlecht zu klingen. Ein Wagen braust vorbei, man sieht keinen Meter durch die braune Staubwand. „War das Latvala?“, fragt Patricia. Tiago blinzelt in den Staub, der Wagen ist längst weg. Er zuckt mit den Schultern.

Wer die besten Plätze an der Rennstrecke will, übernachtet gleich vor Ort – im Zelt.
Rund 100.000 Zuschauer kamen zur Rallye Portugal – manche laut, andere entspannt.

»Ich will hier so viel sehen, wie ich kann

DER GENIESSER Dem ganzen brachialen Motorendonnern zum Trotz: Kann man Rallye genießen, wie ein Gemälde, wie Ballett? Und ob! Cristóbal Rey, 23, aus Galizien, steht allein im Wind. Normalerweise installiert er Alarmanlagen, heute aber hat er die Hände mal nur in den Taschen, den Blick auf die Hügel des portugiesischen Hinterlands gerichtet. Jeden vorbeirasenden Wagen quittiert er mit einem kurzen anerkennenden Nicken. Jedes Auto? „Na ja, besonders den Polo. Ich bin echter Fan von dem Wagen, fahre selber einen.“ Er lüftet zum Beweis kurz die Jacke, um ein blaues T-Shirt zu zeigen, auf das groß „Polo“ gedruckt ist, komplett mit Skizze des Autos. Dann dreht er sich wieder zur Strecke: „Ich habe nur heute freibekommen“, sagt er und klingt dabei ein bisschen entschuldigend. „Ich will so viel von dem Rennen mitnehmen, wie ich kann.“ Gleich am Abend geht es schon wieder zurück, die Küste hoch bis nach Spanien. Mit dem Herzen voller Rennpoesie.

Francesca genießt die Rallye mit Kopfhörern.


DIE RENN-MAMA „Letztes Jahr waren mein Mann und ich auch schon hier, aber nur zu zweit“, sagt Vera da Silva Pereira aus Porto. „Sehr, sehr schwanger“ war sie damals. Heute ist Tochter Francesca elf Monate alt – und scheint ihr erstes Rennen amüsiert zu genießen, dank elegantem Ohrenschutz, während Papa vom Streckenrand herüberwinkt. Noch vor Morgengrauen sind sie aus einem Ort nördlich von Porto losgefahren, um einen guten Platz zu ergattern; keine Chance, dass der Vater seine 40 Zentimeter Zaunfront auch nur für einen Augenblick verlassen wird. „Das ist die erste Fahrt, die wir als richtige Familie unternehmen. Und normalerweise hätte ich mich vorab über das Fahrerfeld informiert“, sagt die Mama, die sich seit 20 Jahren für alle Arten von Autorennen interessiert, wobei zuvorderst für die Formel 1, wegen der sie mehrmals sogar schon zum Nürburgring gefahren ist. „Aber dieses Jahr habe ich es einfach nicht geschafft, mir einen Favoriten auszugucken.“ Sie lächelt ihr Kind an: „Dieses Jahr hatte ich einfach andere Sachen zu tun.“

DIE ZWEIRAD-CREW „Alles wird schwieriger, wenn du älter wirst“, sagt Alexandre Carvalhais (mit Sonnenbrille). Der Unternehmer aus Felgueiras hat es endlich geschafft, die Jungs von seinem Motorradclub zu einem gemeinsamen Ausflug zusammenzutrommeln. Und eigentlich sind die auch froh darüber, dankbar sogar. Man ist über 40, hat Familie, Berufe, kaum freie Zeit, Alexandre musste „Tausende Kalender gegeneinander überprüfen, das war früher einfacher. Als wir jung waren, sind wir einfach so zusammengekommen und losgefahren.“ Wie gesagt: Eigentlich sind die Jungs ihm auch dankbar. Denn: „Wir sind so selten zusammen“, sagen sie. Aber? Großes Lachen, Kopfschütteln: „Aber dann will er, dass wir uns Autos ansehen – ausgerechnet Autos!“, rufen sie. Alex lächelt und erklärt: „Wir sind echte Biker, einige von uns waren bei der Rallye Paris-Dakar dabei, die gesamte Tour von Start bis Ziel.“ Macht der Tag mit den Rennautos trotzdem Spaß? Als Antwort werden High Fives ausgetauscht, lautes Lachen, ein paar halbe Umarmungen. „Die Zeit mit den Jungs? Immer!“

Leckeres Grillgut und Weißwein aus dem Plastikbecher: So gut schmeckt das inoffizielle WRC-Menü in Portugal.

Vier Stunden Fahrt aus Asturien? Kein Ding!

DER EXPERTE „Ich war einer der ersten Spanier, die 2008 die Neuauflage des Scirocco bekommen haben“, erzählt Oscar Fernandez stolz. Hinter sich hat der Testfahrer die Flagge Asturiens in den Boden gerammt, der Provinz im spanischen Norden, in der er frühmorgens für die vier Stunden Fahrt Richtung Baião gestartet ist. Mit Freunden hat er die Fahrt im Vorfeld akribisch geplant, er zeigt auf allerhand Vorratsdosen, die er im Gepäck neben sich hat: „Ich habe alles zu Hause vorbereitet: Spaghetti, Sandwiches, sogar Pizza, wobei ich noch nicht weiß, wie ich die heiß bekomme.“ Auch, weil er das erste Mal Spanien verlässt und nicht der Küche des Nachbarlandes vertraut? Er lacht: „Vielleicht, ganz unterbewusst. Aber ich will hier nicht unbedingt mehr als nötig ausgeben, ich stecke mein Geld lieber ins Auto.“ Auch schlafen wird er heute Nacht im Wagen. Im Scirocco? „Auf keinen Fall, der ist dazu viel zu schade. Ich habe mir den alten Jetta eines Kumpels geborgt.“

»Der Saisonstart ist unser großer Monat.«

DIE FEIERTRUPPE „Der Saisonstart ist immer unser ganz großer Monat“, sagt Rui Pedro Fernandes (Mitte, im grünen Pullover). Der Start der Rallye-Saison? „Auch. Für uns ist er aber eher der Start von allem, was Festival ist. Der Partyauftakt.“ Fernandes und seine Freunde sind Anfang 30, teilweise noch Studenten, manche von ihnen arbeiten – eine bunte Truppe, die aus ganz Portugal zusammenkommt. Seit Jahren ist das Rennen von Baião für sie der Startschuss zu einem Sommer voller Wochenenden: Großraumdiscos auf Ibiza, Electroclubs in Berlin, am Strand abhängen und feiern in Barcelona. Und eben, wie jetzt, campen und frieren im verregneten Hinterland Portugals. „Die günstigen Flüge machen es möglich“, sagt Rui. „Nicht alle von uns schaffen die ganzen Reisen. Aber Baião ist für uns unverzichtbar. Die Stimmung hier ist fantastisch, das will keiner verpassen, da ist das Wetter ganz egal.“ Bleibt nur noch eine Frage: Was ist mit dem Union Jack? Rui wird ernst: Das sei eine Hommage an den verstorbenen britischen Rallye-Fahrer Colin McRae. „Der Mann ist einfach eine Legende.“

Campen unter portugiesischem Banner: Die meisten der Rallye-Schlachtenbummler sind aus dem eigenen Land Richtung Porto angereist.
Einen portugiesischen Fahrer gibt es nicht im Feld – was die Begeisterung aber nicht mindert.

Volkswagen und die WRC

Die FIA World Rally Championship gilt als Königsklasse des Rennsports. 2016 wird die Serie zum 44. Mal ausgetragen – und Volkswagen startete wieder als mehrfacher Titelverteidiger: Der Franzose Sébastien Ogier wurde im Polo R WRC schon 2013, 2014 und 2015 Weltmeister, Volkswagen Motorsport landete jeweils auf Platz eins der Herstellerwertung.

Die Titelverteidigung 2016 ist für Volkswagen eine besondere Herausforderung. Ogier muss an den ersten zwei Tagen jeder Rallye als Erster ins Rennen – auf den Schotterpisten von Mexiko, Argentinien und Sardinien ein großer Nachteil, besonders bei der Rallye Polen, die Anfang Juli buchstäblich im Schlamm versank. Dennoch steht Ogier zur Halbzeit der Saison mit großem Abstand vorn – unmittelbar vor den anderen zwei Volkswagen Fahrern Andreas Mikkelsen (Rang zwei) und Jari-Matti Latvala (Rang vier). Die endgültige Titelentscheidung fällt in den anstehenden Asphaltrennen in Deutschland (August), China (September) und Korsika (Oktober), dann in Spanien und Wales (beide Oktober) sowie beim Finallauf in Australien (18. bis 20. November).

Mehr zur WRC unter

»Seit wir verheiratet sind, nimmt er mich zu
jedem Rennen
mit.«


DIE CAMPER „Die Mütze? Die stellt eine alte portugiesische Redensart dar“, sagt Inez Fernandes Garcia. Sie ist Portugiesischlehrerin in einem Ort nördlich von Porto. Das Sprichwort besagt im übertragenen Sinn so etwas wie Hals- und Beinbruch, die legendäre, leicht fatalistische Wird-schon-schiefgehen-Haltung, auf der die Rallye-Welt mitsamt ihrer Last-minute-Improvisation aufzubauen scheint. Seit 30 Jahren sind sie und João miteinander verheiratet. „Seitdem nimmt er mich zu allen Rennen mit – zumindest kommt es mir so vor!“, lacht sie. „Aber eigentlich, muss ich zugeben, macht es mir auch jedes Mal wieder Spaß. Man bekommt viel von der Natur hier mit, und die ist ja wirklich atemberaubend.“ Inez zeigt auf im Nebel versteckte Hügel und felsige, zerklüftete Hänge. Ab und zu, wenn sie nicht wie dieses Mal über Nacht im Zelt bleiben, nehmen sie dann auch ihre Tochter mit, die mittlerweile im Teenageralter ist. João, Ingenieur, tiefenentspannt, lächelt weise und freut sich übers motorisierte Ehe- und Familienglück. Wird nicht schiefgehen!